Üblicherweise spricht man in den Naturwissenschaften von Fossilien, wenn man Abdrücke, Inkohlungen, Verkieselungen oder Steinkerne von längst ausgestorbenen Lebewesen benennen will. Die Interpretation von Fossilien, die von der Wissenschaft der Paläontologie durchgeführt wird, bringt wichtige Erkenntnisse zur Herkunft und zur Evolution von heute lebenden Arten. Ein Fossil überliefert also wertvolles Wissen zu ausgestorbenen Lebewesen, die sonst nicht mehr studiert werden können. Eines der weltweit berühmtesten Fossilien stammt vom Urvogel Archaeopteryx und wurde im Jahr 1861 in einem Steinbruch bei Solnhofen, Deutschland, gefunden. Dieses Fossil zeigt wichtige Übergänge zwischen den Reptilien und den Vögeln.
Doch es gibt seltene Glücksfälle. Dann nämlich, wenn ein Lebewesen eigentlich ausgestorben sein müsste, es aber durch glückliche Fügungen und Zufälle viele Jahrmillionen überleben konnte. Solch ein Lebewesen wird dann als „lebendes Fossil“ bezeichnet, was genaugenommen ein Widerspruch in sich ist.
Eines der bekanntesten „lebenden Fossilien“ wächst heute in vielen Parkanlagen – der Ginkgobaum. Er ist der einzige und letzte Überlebende einer ehemals artenreichen Verwandtschaft, die vor 290 Jahrmillionen, im Zeitalter des Unterperms, ihre Blütezeit hatte. Bis auf die heute noch lebende Art Ginkgo biloba, die es seit etwa 80 Millionen Jahren gibt, sind alle seine Verwandten bereits ausgestorben.
Besondere Eigenschaften
Es gibt mehrere Eigenheiten, die dazu führen, dass der Ginkgobaum als „lebendes Fossil“ gilt.
- Zunächst einmal sind es seine besonderen Blätter: Betrachtet man sie gegen das Licht, sieht man eine gabeladrige Nervatur, die als ein sehr altertümliches Merkmal gedeutet wird.
- Ein weiteres, biologisch altes Merkmal ist die Art, wie die Eizelle in der weiblichen Blüte befruchtet wird: Ginkgos sind zweihäusig – ein Baum bildet also entweder weibliche oder männliche Blüten aus. Die männlichen Blüten erzeugen Millionen von Pollenkörnern, die mit Hilfe des Windes zu den weiblichen Blüten gelangen. An der Spitze der unscheinbaren weiblichen Blüten bildet sich ein klebriger Befruchtungstropfen, an dem das Pollenkorn kleben bleibt. Wenn in Folge die Pollenkörner auskeimen, entstehen spiralig begeißelte Spermatozoiden, die zur Eizelle hinschwimmen. Die Verschmelzung mit der Eizelle erfolgt aber erst vier bis sieben Monate nachdem der Pollen auf der weiblichen Blüte gelandet ist! Aus der befruchteten Eizelle entsteht ein Keimling, der von einer doppelten Hülle geschützt wird. Die innere Hülle bildet eine harte Samenschale, die äußere Hülle färbt sich gelb und wird fleischig. Diese äußere fleischige Hülle enthält viel Buttersäure und riecht deshalb penetrant nach ranziger Butter oder Schweißfüßen. Es gibt aber Tiere, die diesen Geruch und Geschmack mögen und die umhüllten Samen fressen. Der innen liegende, harte Kern kann nicht verdaut werden und wird daher als „Darmwanderer“ verbreitet. Auf Grund des unguten Geruches der Samen werden in Europa vorwiegend Setzlinge von männlichen Bäumen verkauft deshalb ist es gar nicht einfach, die stinkenden Ginkgo-Samen anzutreffen. In Asien und Japan werden hingegen auch viele weibliche Ginkgos angepflanzt hier werden die geschälten und gerösteten Samen als Knabberei oder als Beilage zu Reis- und Eiergerichten verwendet.
- Es ist wirklich ein außerordentlicher Glücksfall, dass die Art Ginkgo biloba nicht nur alle Eiszeiten überdauert hat, sondern auch die massiven Abholzungsaktionen im Gebiet des Jangtsekiang in Südwestchina. Dazu beigetragen hat auch, dass der Ginkgo als „Tempelbaum“ seit 1.000 Jahren von buddhistischen Mönchen in Tempelanlagen als Zierbaum angepflanzt wird.
- Die Chinesen sahen im Ginkgo ein Ursymbol für die weibliche und männliche Energie im Menschen – für Yin und Yang. In weiterer Folge gelangte der Ginkgo auch nach Korea und Japan, von wo aus dann die ersten Ginkgo-Pflanzen um 1730 nach Europa und 50 Jahre später nach Nordamerika kamen.
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