Sobald wir als Kleinkinder die ersten Wörter beherrschen, plappern wir drauf los – und daran ändert sich oft auch im Erwachsenenalter nichts. Sprache ist für uns selbstverständlich: Wir kommunizieren oft, ohne groß darüber nachzudenken. Doch unser Wortschatz dient nicht nur dem Austausch von Neuigkeiten – er ist gleichzeitig auch Teil unserer Persönlichkeit. Schon Kleinkinder nutzen Sprache, um sich kreativ auszuleben. Sie erfinden Fantasiewörter, singen, erzählen Geschichten und gestalten mit der Sprache ihre eigene Welt. Gerade deswegen ist es auch wichtig, den Kleinen schon möglichst früh die Vielfalt der Sprache näher zu bringen, etwa durch Vorlesen. Die Verbindung zwischen den Wörtern und unserer Psyche sieht auch die Poesie- und Bibliotherapie im Integrativen Verfahren®, die davon ausgeht, dass der sprachliche Ausdruck einen wesentlichen Beitrag zu der geistigen Gesundheit eines Menschen leistet. Hildegard Kokarnig, eines der Vorstandsmitglieder der Deutschsprachigen Gesellschaft für Poesie und Bibliotherapie und Lehrbeauftragte für Poesie- und Bibliotherapie an der EAG/FPI (Europäische Akademie für bio-psycho-soziale Gesundheit, Naturtherapien und Kreativitätsförderung), ist davon überzeugt: Wer einen geringen Wortschatz hat und sich nicht ausreichend mit unserer Sprache auseinandersetzt, verliert einen Teil seiner Identität. Wir haben mit der promovierten Germanistin über die Bedeutung der Sprache und ihre heilsame Wirkung gesprochen.
Was genau ist die Poesie- und Bibliotherapie eigentlich?
Bei der Integrativen Poesie- und Bibliotherapie (kurz IPBT) handelt es sich um eine kreativtherapeutische Methode im Rahmen des Integrativen Therapieverfahrens. Gegründet wurde das Verfahren von Hilarion G. Petzold, Ilse Orth und Johanna Sieper. Die IPBT ist agogisch, was bedeutet, dass Förderung und Begleitung der Menschen im Zuge ihrer Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung über die gesamte Lebensspanne hin möglich sind. Die IPBT steht also nicht nur für Therapie, sondern die Methode fördert die Erlebnisfähigkeit, die Wahrnehmung, die Stärkung der Gestaltungskraft und das Selbsthilfepotenzial eines Menschen. IPBT sieht sich auch im Dienst einer Bildungsarbeit im Sinne des lebenslangen Lernens – das gilt für Menschen aller Altersklassen.
Warum gibt es einen so großen Zusammenhang zwischen Sprache und Psyche?
Der Mensch ist – aus der Sicht der Poesie- und Bibliotherapie – ein geschichtenerzählendes, multikulturelles Wesen. Aus diesem Grund ist das Bewusstsein der eigenen Sprache elementar. Die Entfremdung von der eigenen kreativen Quelle führt zur Verarmung des Einzelnen und der Gesellschaft, zum Verblassen der Persönlichkeit eines Menschen und der Kultur. Orth und Petzold betonen immer wieder: Bedrückendes Denken kann den Körper belasten und ein erschöpfter Körper das geistige Gemüt beeinträchtigen. Ein erhebliches Potential der Heilkraft der Sprache liegt darin zu lernen, sich etwas von der Seele zu schreiben, für Gutes und Schlimmes Worte zu finden und zu lernen, in Texten Trost zu suchen. Geschieht das, gewinnt der Mensch Lebenstechniken sowie neue Bewältigungs- und Gestaltungspotentiale. Durch rezipierte und gestaltete Sprache werden Prozesse seelischer Integration, persönlicher Entwicklung und Wachstum angeregt.

Wie kann man also durch Sprache seine Persönlichkeit entwickeln? Gibt es dazu spezielle Methoden?
Schon in frühester Zeit wurden Gesang, Gebet und Dichtung in Form von Heils- und Segenssprüchen eingesetzt. „Heilstätte der Seele“ stand über der Bibliothek von Alexandria. In Aristoteles Dramenlehre ging es um die Befreiung der Seele von negativen Gefühlen durch Mitleid und Schauder. Auch Märchen besitzen therapeutische Bedeutung. Es gab Bekenntnisschriften und Trostbriefe als „Schreibtherapie“ schon bei Sokrates, Seneca, Cicero, Aurel, Augustinus etc.
Die IPBT nützt die Heilkraft der gestalteten Sprache und heilsamer Texte. Zusätzlich werden künstlerische Medien wie Bewegung, Malen oder Schreiben in sogenannten intermedialen Quergängen eingesetzt, um die seelische Integration und das persönliche Wachstum zu unterstützen. Biographiearbeit, Förderung von Kreativität, Gesundheit und Lebenskompetenz sind ebenfalls Bestandteile dieser Methode.
Beim Wort “Poesietherapie” denkt man automatisch an Gedichte. Welche Rolle spielt die Poesie bei der Methode?
Das Wort Poesie (poiesis) kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie erschaffen, gestalten. Es ist ein Medium, in dem der Mensch sich zu begreifen sucht, um damit ein Gefühl von Sinn, ein vertieftes Verstehen seiner selbst, seiner Beziehungen und seines Lebens in der Welt zu erlangen. Wie Musik ist Poesie eine der tiefsten menschlichen Ausdrucksformen. Schreiben wirkt, indem wir etwas aktiv gestalten. Beim Lesen und Schreiben von eigenen und fremden Texten lassen sich neue Welten erschließen und Horizonte eröffnen.
Poesie hat Aufforderungscharakter und ruft gespeicherte Erinnerungen ab. Der gestaltende Mensch erlebt sich als Handelnder in der Welt. In Gruppen werden Texte und Prozesse besprochen. So erfährt der Einzelne Selbstbestätigung in Form von wertschätzenden Rückmeldungen. Selbstausdruck, Sprachfähigkeit und Selbstbestärkung sind wichtige Elemente in der Persönlichkeitsentwicklung, die ein Leben lang möglich ist.
Und was ist mit jenen Menschen, die sich schwer tun, etwas niederzuschreiben?
In der wechselseitigen Verschränkung von Impulsen durch Gedichte, Prosatexte, Musik, Bewegung und aktivem kreativen Gestalten wird der prozessorientierte Ansatz der IPBT deutlich. Dabei kommt es nicht auf das Ergebnis an, was als Bild oder Text zu Papier gebracht wurde, sondern auf eine Ermutigung, den eigenen Gestaltungskräften zu trauen und sich nicht wertend zu vergleichen. Potenziale können sich entfalten, wenn Leistungsdruck und Stress wegfallen.
Welche Texte eignen sich am besten dazu, um die Psyche zu beeinflussen?

Grundformen der Dichtung (Epik, Lyrik, Dramatik), aber auch Gebrauchsliteratur (Briefe, Tagebücher etc.) können eingesetzt werden und bieten dabei jeweils unterschiedliche Möglichkeiten. Texte können dazu beitragen, neue Lösungsansätze aufzuzeigen, Ansporn und Mut für Veränderung zu geben. Poetische Sprache ist sinnenhaft und verwendet Metaphern als Projektionsfläche für Gefühle und Erfahrungen. Sie bietet persönlichen Freiraum für eigene Projektionen, speziell in der Lyrik. Es kommt auch darauf an, in welchem Bereich und mit welchem Ziel Texte Anwendung finden.
Und wichtig ist auch, dass zwar die Poesietherapie von der Gestaltung geschriebener Texte Gebrauch macht und die Bibliotherapie das Lesen von Literatur einsetzt, aber dass es sich nicht wie in den angelsächsischen Ländern bei der IPBT von Petzold und Orth um EINE gemeinsame Methode handelt.
Wer kann von dieser Methode profitieren, wer ist die Hauptzielgruppe?
Jeder. Sie kann in der Psychotherapie, Sozialpsychiatrie, Beratung, in der Rehabilitation, der Seelsorge, in der Arbeit mit alten und behinderten Menschen, der Begleitung Schwerkranker und Sterbender, in der Pädagogik und in der Erwachsenenbildung genutzt werden, in der Arbeit mit Gruppen und mit Einzelnen. Weiterbildungen zur Integrativen Poesie- und Bibliotherapie werden übrigens von der EAG/FPI aus auch in Österreich organisiert und durchgeführt.
Man hat manchmal das Gefühl, dass es mit der Sprache abwärts geht. Junge Menschen setzen eher auf Bilder, Emojis und dergleichen. Ist die Auseinandersetzung mit tiefgehender Sprache noch zeitgemäß?
Diese Frage ist eindeutig mit Ja zu beantworten: besonders in der heutigen Zeit eines vielerorts dokumentierten Sprachverlusts und der Leseunlust nicht nur junger Menschen. Gerade durch die digitale Gesellschaft sind wir einer regelrechten babylonischen Sprachverwirrung ausgesetzt. Viele Menschen leben heute in mehreren Sprachwelten und beherrschen keine wirklich. Sie müllen sich mit Cyberschrott zu und verlieren so den Zugang zu ihrer individuellen Sprache. Dürftiges Sprachvermögen und Verlust der eigenen Sprache bedeutet jedoch eine eingeschränkte Identität. Eine gute Gesprächs- und Erzählkultur ist intelligenzfördernd, der Verlust der Sprache bedeutet dagegen den Verlust von Kultur. Es gilt also, Menschen wieder eine sinn-volle Sprache vor Augen zu führen. Die IBPT fördert somit die gesunden Anlagen des Menschen. Sie bietet einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität in Form von persönlichen Erzählungen, durch das gemeinsame Erfahren von Literatur, im Lesen von Poesie und Prosa und im Gestalten eigener Texte.
Praxisbeispiele zeigen, dass dies auch wirklich funktioniert. Es ist z. B. eine Freude zu sehen, wenn scheinbar unwillige Jugendliche durch die Anwendung von Techniken dieser kreativen Methode wieder Freude an Poesie und am eigenen kreativen Tun entwickeln – ohne zwingendes Bedürfnis, mit ihrem Mobiltelefon zu spielen. Es steht unbestritten fest: Poesie kann und sollte in unserem Zeitalter der Informationstechnologie einen wichtigen Platz im kulturellen und sozialen Leben einnehmen. Die Heilkraft der Sprache und des Schreibens ist eine faszinierende und wirkmächtige Methode, die Menschen ergreift und Veränderungsprozesse anregt.
Nähere Infos gibt es auch unter https://integrative-poesietherapie-oesterreich.at

Zur Person
Die gebürtige Kärntnerin Hildegard Kokarnig hat in Graz Germanistik studiert und leitete neben ihrer Arbeit als Pädagogin verschiedene Schreibwerkstätten von Jugendlichen und Erwachsenen. Sie hat den Lehrgang der “Wiener Schreibpädagogik” absolviert, ist Mitglied der Grazer AutorInnen Autoren Versammlung und ist zertifiziert in Poesie und Bibliotherapie im Integrativen Verfahren. Derzeit ist sie als Lehrbeauftragte für die Integrative Poesie- und Bibliotherapie an der Europäischen Akademie für biopsychosoziale Gesundheit, Naturtherapie und Kreativitätsförderung (EAG/FPI) tätig und im Vorstand der Deutschsprachigen Gesellschaft für Poesie und Bibliotherapie.











