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Regelmäßige Untersuchungen sind die einzige Möglichkeit, eine Infektion frühzeitig zu erkennen (Foto: Москва, Россия/pexels.com).
Regelmäßige Untersuchungen sind die einzige Möglichkeit, eine Infektion frühzeitig zu erkennen (Foto: Москва, Россия/pexels.com).

Wenn Sex zum Risiko wird

Als in den 1980er-Jahren die ersten Aids-Fälle bekannt wurden und man wenig später HIV als Ursache identifizierte, gab es zahlreiche Aufklärungskampagnen, die den Stellenwert von Kondomen als effektiven Schutz bewusst machten. In den Jahren darauf war es ganz normal, ein Kondom griffbereit zu haben, und es galt auch als angebracht, regelmäßig einen HIV-Test zu machen.

Heute sind wir in der glücklichen Lage, dass eine HIV-Infektion gut behandelbar ist. Allerdings gehen damit auch weniger positive Konsequenzen einher, weiß Dr. Mirijam Hall, Gynäkologin und Vorsitzende der Aids Hilfe Wien: „Die Fortschritte in der HIV-Therapie haben die Angst vor Aids verringert – und damit leider auch die Wahrnehmung des Risikos anderer sexuell übertragbarer Infektionen sowie die Bedeutung von Schutzmaßnahmen“.

Die Verbreitung sogenannter STIs (Sexually Transmitted Infections) stieg in den vergangenen Jahren rasant. Allein in Wien gibt es zwei Drittel mehr gemeldete Neuinfektionen mit Tripper und Syphilis als noch vor zehn Jahren. Ähnliches gilt – laut einer aktuellen Studie der Europäischen Gesundheitsagentur – für ganz Europa. Gleichzeitig geht laut dem letzten Verhütungsbericht des Gesundheitsministeriums der Gebrauch von Kondomen, die vielfach Schutz bieten, zurück. Infektionen können durch unterschiedlich Erreger ausgelöst werden. Zu den bakteriell übertragenen STIs zählen Gonorrhoe (Tripper), Syphilis und Chlamydien. Bei den viral übertragbarenInfektionen sind es HIV, Hepatitis,

Tripper auf dem Vormarsch

Herpes und HPV. Die positive Nachricht, so Dr. Mirijam Hall: „Es sind alle wirklich gut behandelbar. In vielen Fällen reicht eine Antibiotikagabe, und man ist geheilt und die Infektionskette dadurch unterbrochen“. Das setzt allerdings voraus, dass die Infektion erkannt wird, was oft mit einigen Hürden verbunden ist. Denn hier spielt auch mangelnde sexualpädagogische Aufklärung eine Rolle. „Das ist ein richtiges Stiefkindthema“, gibt die Medizinerin zu bedenken. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass sexuell übertragbare Krankheiten in der Praxis keiner spezifischen medizinischen Fachrichtung angehören. Die Möglichkeiten reichen von der eigentlich für Venerologie zuständigen Dermatologie, über den Hausarzt bis hin zur Gynäkologie oder Urologie. „Da es in der Versorgungslandschaft keine eindeutige Zuteilung gibt, fehlt den Betroffenen die nötige Klarheit.“

Unbehandelt? Erkrankung!

Erschwerend kommt hinzu, dass viele der Infektionen ohne oder mit unspezifischen Symptomen einhergehen. Das heißt, nur eine ärztliche Kontrolle bzw. ein Test kann Sicherheit bieten, um bei Bedarf eine Behandlung zu ermöglichen. „Unbehandelt können manche STIs zu schweren gesundheitlichen Problemen führen“, erklärt Dr. Hall. „Beispielweise macht sich eine Infektion mit Chlamydien bei Frauen selten bemerkbar, da sie oft asymptomatisch verläuft.“ Die Infektion kann aber schwerwiegende Langzeitfolgen haben: Unbemerkte Entzündungsprozesse im Unterleib können zu Verklebungen im Bauchraum führen. Nicht selten resultieren daraus Fruchtbarkeitsprobleme, etwa wenn die Eileiter betroffen sind. Häufig wird die Ursache erst im Zuge der Abklärung eines unerfüllten Kinderwunsches erkannt, wenn sich zeigt, dass zuvor eine Chlamydieninfektion bestanden hat.

Maßnahmen gefordert

Gute Schutzmöglichkeiten vor STIs bieten Kondome, Hygiene und das Vermeiden von Kontakt mit Blut. Im Falle von HIV kann man sich vor einer Infektion bei Risikokontakten mit der „PrEP“ (Präexpositionsprophylaxe) schützen. Sofern eine Impfung erhältlich ist (Hepatitis A und B, HPV), sei dies der beste Schutz, so die Medizinerin. Da Kondome bei uns nicht gratis erhältlich sind, sei das eine weitere Hürde in punkto Bekämpfung sexuell übertragbarer Krankheiten.

Österreich liegt damit laut dem „Contraception Policy Atlas“ bei der Versorgung mit Verhütungsmitteln und Beratungsangeboten, inklusive Kostenerstattung, unter dem europäischen Durchschnitt, da es keine systematische Kostenübernahme gibt. In vielen anderen Ländern Europas übernimmt der Staat Medikamente oder verteilt Kondome kostenlos und bietet niedrigschwellige Beratung an. Aktuell läuft in Österreich ein Volksbegehren „Gratis Verhütung für ALLE!“, das genau diese Situation ändern will. Es liegt im Juni 2026 zur Unterschrift auf. Auch die Aids Hilfe Wien stellt seit langem diese Forderungen. Dr. Hall: „Gratis Kondome sind besonders wichtig, da diese eine doppelte Wirkung haben. Sie schützen vor vielen Geschlechtskrankheiten und auch vor ungewollten Schwangerschaften“. Das Bewusstsein für regelmäßige Tests zu wecken, ist zusätzlich entscheidend: Regelmäßige Untersuchungen sind die einzige Möglichkeit, eine Infektion frühzeitig zu erkennen. Besonders betroffen sind Männer, die Sex mit Männern haben, sowie Menschen mit erhöhtem Risiko – etwa durch ungeschützten Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern.

„Tests gibt es für all diese sexuell übertragbaren Krankheiten, und sie sind mit keinem großen Aufwand verbunden – eine Blutabnahme oder ein Selbstabstrich sind ausreichend“, erklärt die Ärztin. In Kürze sind solche Tests auf e-card auch für jede Frau und jeden Mann gratis möglich – und zwar im „Ambulatorium für sexuelle Gesundheit magnus*“ auf dem Gelände der Aids Hilfe Wien, das in diesem Sommer eröffnet wird. Das Zentrum, benannt nach Magnus Hirschfeld, einem Pionier der sexuellen Gesundheit, soll ein Ort sein, wo sowohl Diagnostik, Therapie als auch Prävention vereint sind. „Wir versuchen alles, um den Zugang möglichst niederschwellig zu gestalten und sämtliche Barrieren so gut wie möglich aus dem Weg zu räumen. Wir werden über 60 Stunden pro Woche offen haben, von Montag bis Samstag. Man kann einfach vorbeikommen oder sich einen Termin vereinbaren, kann sich auf jede sexuell übertragbare Krankheit testen lassen und bekommt die Therapie gleich verschrieben“, zeigt sich Dr. Hall erfreut über dieses „Leuchtturmprojekt“. Zusätzlich wurde eine Vollzeitstelle für die wissenschaftliche Begleitung geschaffen.

Das neue Zentrum könnte auch ein wichtiger Schritt sein, um das Tabu rund um sexuell übertragbare Infektionen, das immer noch vorherrscht, endlich abzubauen, denn für die Expertin ist dieses „mit Sicherheit der größte Hemmschuh, was sexuelle Gesundheit anbelangt“.

Die wichtigsten Infektionen

• Chlamydien zählen zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen weltweit. Verursacht werden sie durch Bakterien, die beim ungeschützten vaginalen, analen oder oralen Sex übertragen werden. Viele Infizierte haben keinerlei Beschwerden. Unbehandelt können Chlamydien aber vor allem bei Frauen zu Unfruchtbarkeit führen. Die Behandlung mit Antibiotika ist unkompliziert. Wichtig ist, dass auch Sexualpartner mitbehandelt werden.

• Gonorrhö (Tripper) ist eine bakterielle Infektion, die ebenfalls durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen wird. Die Erreger befallen Schleimhäute im Genitalbereich, aber auch im Rachen oder Enddarm. Typisch sind eitriger Ausfluss, Schmerzen beim Wasserlassen und Entzündungen. Auch hier gilt: Nicht alle Betroffenen bemerken Symptome. Die Therapie erfolgt mit Antibiotika.

• Syphilis ist eine bakterielle Infektion, die über kleine Verletzungen der (Schleim-)Haut übertragen wird, meist beim Geschlechtsverkehr. Die Erkrankung verläuft in Stadien: Anfangs zeigt sich ein schmerzloses Geschwür an der Eintrittsstelle, später können Hautausschläge, Fieber oder Lymphknotenschwellungen auftreten. Unbehandelt kann Syphilis schwere Organschäden verursachen. Früh erkannt, lässt sie sich heute effektiv mit Antibiotika behandeln.

• HIV (Humanes Immundefizienz-Virus) greift das Immunsystem an und kann unbehandelt zu AIDS führen. Die Übertragung erfolgt über Körperflüssigkeiten, v. a. beim ungeschützten Sex oder durch Blutkontakt. Dank moderner Medikamente ist HIV heute gut behandelbar. Eine konsequente Therapie senkt die Viruslast meist so, dass Betroffene nicht mehr ansteckend sind.

• Hepatitis Unter dem Begriff Hepatitis versteht man Entzündungen der Leber, die häufig durch Viren verursacht werden. Im Zusammenhang mit sexuell übertragbaren Infektionen sind vor allem Hepatitis B und – seltener – Hepatitis C relevant. Die Übertragung erfolgt über K.rperflüssigkeiten. Hepatitis B kann mit antiviralen Medikamenten kontrolliert werden, als Prophylaxe gibt es eine Impfung. Hepatitis C ist heute oft sogar heilbar.

• HPV (Humane Papillomaviren) gehören zu den häufigsten sexuell übertragenen Viren. Die meisten Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens, ohne es zu merken. Viele Infektionen heilen von selbst aus. Einige Virustypen können Genitalwarzen verursachen oder langfristig Krebs auslösen. Eine spezifische Therapie gegen das Virus gibt es nicht. Wichtigster Schutz: HPVImpfung, die idealerweise vorm ersten Sexualkontakt erfolgt.

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