KNEIPP: Diese Welt hat schon viele Katastrophen gesehen. Was ist am Klimawandel so besonders bedrohlich?
Tobias Schabetsberger: Globale Auswirkungen nahmen wir kaum wahr, erst im letzten Jahrzehnt kam es auch zu für uns spürbaren Folgen wie längere Dürreperioden, höhere Temperaturen und nicht zuletzt die schlimme Hochwasserkatastrophe 2024 in NÖ. „Es“ rückt also näher, wird enger. Aber in letzter Konsequenz geht es bei dem Thema irgendwann um Leben und Tod – und das spüren wir zumindest unbewusst.
Bei Recherchen ergeben sich für das Jahr 2065 folgende mögliche Szenarien: Optimistisch: Durch umfassende Maßnahmen zur Emissionsminderung und Anpassung könnten viele der schlimmsten Folgen abgemildert werden. Pessimistisch: Ohne wesentliche Klimaschutzmaßnahmen könnten Teile der Erde unbewohnbar werden, und es drohen schwerwiegende soziale, wirtschaftliche und politische Krisen. Was erscheint Ihnen wahrscheinlicher?
Wenn wir so weitermachen, eher das pessimistische Szenario. Wenn wir uns aber alle zusammenreißen und jeder Einzelne sowie Politik und Wirtschaft sich rasch um klimafreundliche Maßnahmen kümmern, kann auch das optimistische Szenario wahr werden. Doch es wird von Jahr zu Jahr schwieriger.
Mit Extremwetterereignissen sind wir weltweit bereits konfrontiert. Sind das für Sie schon Folgen des Klimawandels?
Unbedingt. 1,5 °C globale Erwärmung ist das Limit. Wenn sich die Temperatur über 2 °C erhitzt, entsteht ein Kipppunkt, der auf die Meeresspiegel, die Landschaften und damit auch die Klimaflüchtlinge großen Einfluss hat. Daher ist es so wichtig, das Thema aktuell zu halten, was derzeit zu wenig geschieht.
Sind es eher jüngere Menschen, die sich hier Sorgen machen oder ältere, eventuell für ihre Kinder und Enkel?
Studien zeigen, dass vor allem die Jungen unter Ängsten leiden sowie Eltern, die besorgt sind, wie sich die kommenden Klimaverhältnisse für ihre Kinder auswirken werden.
Wie können sich diese „Klimaängste“ zeigen und auswirken?
Verstärktes Sorgen machen, Schlaflosigkeit, ständiges Nachdenken über Katastrophen, exzessive Auseinandersetzung mit dem Thema, Panikattacken, Schuldgefühle, wenn man sich doch einmal mit etwas anderem beschäftigt. Grundsätzlich gibt es die adaptive Angst – das ist jene, die ins Handeln führt.
Und die maladaptive Angst, die lähmt, hilflos macht und psychische Erkrankungen begünstigt. Hinzu kommt die Angst, keine Kontrolle zu haben, die auch zu Depressionen führen kann. Diese wiederum führt zu einer allgemeinen Sinnkrise.
Welche Bildungsschicht ist mehr von Ängsten in Bezug auf den Klimawandel betroffen?
Eher die obere Bildungsschicht im Alter zwischen 18 und 40. Die untere Bildungsschicht ist in der Regel mehr mit dem Kampf ums Überleben in der Gegenwart beschäftigt und hat zu dem Thema daher eine psychische Distanz. Grundsätzlich gibt es auch eine Verleugnung der Klimakrise. Das stellt ein großes Problem dar, weil wissenschaftlich belegt ist, dass sie existiert. Aber das Thema macht Angst und daher wird es oft verdrängt oder abgestritten. Denn wir alle wollen ein gutes Leben auf einem guten Planeten.
Was bedeuten die Ausdrücke „Fußabdruck“ und „Handabdruck“ in Bezug auf Klimakrise und Psyche?
Der „Fußabdruck“ beschreibt die negativen Auswirkungen, die Handlungen von Individuen, Unternehmen oder der Gesellschaft auf die Umwelt hat. Am häufigsten wird „CO2-Fußabdruck“ verwendet, der die Menge an Treibhausgasen misst, die durch menschliche Aktivitäten freigesetzt werden. Dieser umfasst Emissionen durch Energieverbrauch (Heizen, Stromnutzung), Transport (Auto, Flugzeug, öffentliche Verkehrsmittel), Konsumverhalten (Ernährung, Kleidung, Elektronik), Produktion und Abfall. Das Ziel sollte sein, den Fußabdruck zu verringern, indem man klimafreundliche Entscheidungen trifft, wie z. B. auf erneuerbare Energien umsteigt, regionale und pflanzliche Lebensmittel konsumiert oder weniger fliegt.
Und der „Handabdruck“?
Der „Handabdruck“ steht im Gegensatz zum Fußabdruck für die positiven Beiträge, die jemand leistet, um die Umwelt und das Klima zu schützen. Er beschreibt also, wie man aktiv Veränderungen anstößt, um die eigenen negativen Auswirkungen zu kompensieren oder sogar zu übertreffen. Beispiele sind: klimafreundliche Projekte initiieren (etwa Aufforstung, Bildungsprogramme); andere inspirieren, nachhaltiger zu handeln (durch Aufklärung oder die Politik); Unternehmen dazu bewegen, nachhaltigere Prozesse einzuführen; Unterstützung von Organisationen, die sich für Klimaschutz einsetzen; falls Sie Ihre Ernährung auf vegetarisch oder vegan umgestellt haben, davon erzählen. Wenn der Handabdruck vergrößert wird, indem Sie positive Impulse setzen, die über das individuelle Handeln hinausgehen und gesellschaftliche Strukturen verändern, hat das System noch eine Chance.
Es braucht also beide Konzepte …
Ja, denn während der Fußabdruck zeigt, welche Schäden minimiert werden müssen, zeigt der Handabdruck, wie man aktiv zur Lösung der Klimakrise beiträgt. Beide Konzepte ergänzen sich und sind wichtig, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Durch diese zwei Ansätze können Menschen und Organisationen bewusster mit der Klimakrise umgehen, eine nachhaltigere Zukunft gestalten und damit Ängste mindern.
Was können Sie als Klimapsychologe empfehlen, damit Menschen mit ihren Ängsten besser zurechtkommen?
Darüber sprechen. Das ist ganz wichtig!
Sich engagieren. Im eigenen Verhalten oder in Gruppen wie z. B. „Fridays for future“. Ich selbst bin bei „Psychologists for Future“. Wir sehen uns ebenfalls in der Verantwortung, einen Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise zu leisten. Diesen Text finden Sie bei fridaysforfuture.at: “Wir sind Schüler:innen, Lehrlinge, Studierende und (junge) Menschen aus verschiedenen Teilen Österreichs, die nicht mehr zusehen wollen, wie ihre Zukunft verspielt wird. Wir sind eine politische Druckbewegung, die Entscheidungsträger:innen auf allen Ebenen dazu auffordert, das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Unser Ziel ist die Einhaltung des 1,5-Grad- Limits und globale Klimagerechtigkeit. Wir organisieren uns dezentral in Regionalgruppen, vernetzen uns aber österreichweit und international. 26.800 „Scientists for Future“ im deutschsprachigen Raum bestätigen, dass unsere Sorgen um die Zukunft wissenschaftlich begründet sind. „Parents for Future“, „Teachers for Future“, „Artists for Future“, „Farmers for Future“, „Religions for Future“, „CEOs for Future“, „Psychologists for Future“ und weitere Teile der Bevölkerung solidarisieren sich mit den Zielen von „Fridays for Future“, demonstrieren mit uns und schaffen eine breite, gesellschaftliche Allianz für mutige Klimaschutzpolitik.“
Selbstfürsorge entwickeln. Sorgen Sie für Bewegung, Schlaf, gesunde Ernährung und Entspannungsübungen.
Hilfe & Selbsthilfe. Wenn Sie allein nicht zurechtkommen, nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch, wie z. B. bei einem Klimapsychologen. Da geht es u. a. darum, sich selbst besser kennenzulernen; Werte für sich zu definieren und danach zu leben; Akzeptanz zu entwickeln für die Umstände, die im Moment nicht zu ändern sind; bewusster im Hier und Jetzt zu leben. Versuchen Sie auch, zu entscheiden, worauf Sie Einfluss haben und worauf nicht. Unsicherheit ist Teil des Lebens und der Tod ist irgendwann unausweichlich. Es geht darum, dazu eine positive innere Haltung zu finden.
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