Langeweile? Gibt’s heutzutage nicht mehr. Neben einem durchgehenden Unterhaltungsprogramm in den sozialen Medien stehen in der Freizeit Möglichkeiten von A bis Z zur Verfügung – Escape-Games, 3D-Minigolf, rund um die Uhr Filme von Streaming-Anbietern, Erlebnisrestaurants und neue Sportarten sind nur ein Auszug der nicht enden wollenden Möglichkeiten für ein erfülltes und abwechslungsreiches Leben. Daran ist per se nichts Schlechtes: Vieles davon kann man in geselliger Runde erleben, vieles sorgt für neue Eindrücke, wodurch die Synapsen im Gehirn gestärkt werden, und vieles davon hält uns körperlich fit.
Permanenter Stress durch Reizüberflutung
Die ständige Reizüberflutung durch unzählige Möglichkeiten hat jedoch auch ihre Nachteile. Wer zwischen Updates auf Social Media, Nachrichten, Terminen und Verpflichtungen hin- und herhetzt, sorgt dafür, dass das Gehirn die eintreffenden Reize nicht mehr richtig verarbeiten kann. Das wiederum kann zu Konzentrationsproblemen, Schlaflosigkeit, Unzufriedenheit und einem permanenten Gefühl der Überforderung führen. Die permanente Stresssituation kann sogar körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Tinnitus oder Verspannungen auslösen.
Bewusstes Reduzieren
Der Gegentrend dazu nennt sich Minimalismus: das bewusste Reduzieren von Konsumgütern, Medien und Terminen, sozusagen die Abwendung von unserer konsumorientierten Überflussgesellschaft. Der Trend ist nicht neu: Bereits 1936 sprach der US-amerikanische Philosoph Richard Gregg von der “Voluntary Simplicity”, der freiwilligen Einfachheit des Lebens. Der Gedanke dahinter ist, dass wir uns durch die Befreiung von unnötigem Ballast stärker auf unsere eigentlichen Lebensziele und -wünsche konzentrieren können. Auch die positiven Auswirkungen auf unsere Psyche sind rasch erklärt: Wer sich mit weniger Reizen umgibt, entlastet das Gehirn. Konkrete Beispiele: Wer weniger Kleidung besitzt, steht morgens nicht vor der großen Herausforderung, was er anziehen soll. Dadurch muss das Gehirn weniger Entscheidungen treffen und hat mehr Ressourcen für andere Dinge. Oder: Wer auf soziale Medien verzichtet, vergleicht sich selbst weniger mit anderen – und erhöht dadurch die eigene Zufriedenheit. Je weniger äußere Eindrücke auf uns einprasseln, desto weniger müssen wir verarbeiten, einordnen und bewerten. Dadurch wird das Gehirn entlastet und wir fühlen uns am Ende des Tages deutlich weniger ausgelaugt und erschöpft.
Der Weg zum Minimalismus

Keine Sorge: Um sein Leben etwas einfacher und minimalistischer zu gestalten, muss man nicht sofort in eine Hütte ohne Strom und fließendes Wasser umziehen. Auch kleine Schritte helfen dabei, den Überfluss im eigenen Leben zu reduzieren. Das beginnt bereits mit dem Aufräumen bzw. Ausmisten der eigenen Wohnung: Weniger Konsumgüter bedeutet weniger Chaos und mehr Platz. Im Durchschnitt besitzt eine Person rund 10.000 Sachen – genug Möglichkeiten also, um daheim Unordnung zu schaffen. Eine chaotische und unstrukturierte Umgebung überfordert aber rasch das Gehirn – es kann mit so viel Chaos nicht umgehen. Daher ist es im Hintergrund permanent damit beschäftigt, den Überblick zu bewahren und Gegenstände zu suchen. Die Lösung: einmal alles durchsortieren bzw. ordnen und sich konsequent von Dingen trennen, die man nicht mehr benötigt. Durch ein aufgeräumtes Zuhause sinkt der Stresslevel. Außerdem helfen beispielsweise Wochenpläne für den Einkauf, gut sortierte Lebensmittel, durchsichtige Aufbewahrungsboxen usw., um dem Gehirn zu signalisieren: alles auffindbar, alles unter Kontrolle. Auch das trägt zur Reduktion von Reizen bei.
Offline, nicht online leben

Der nächste Schritt ist das bereits angesprochene Vermeiden (oder zumindest Reduzieren) von sozialen Medien. Denn unterschwellig wird hier vor allem eines vermittelt: das scheinbar perfekte Leben der Anderen. Das führt wiederum dazu, dass man mit dem eigenen Leben unzufrieden wird und diese Unzufriedenheit oft mit Konsumgütern ausgleichen möchte (Achtung, Spoiler: Das funktioniert leider nicht!). Die rasche Abfolge von Bildern und Videos reduziert außerdem die Aufmerksamkeitsspanne, was sich besonders beim Medienkonsum von Kindern beobachten lässt. Aber auch Erwachsene sind gegen die Fülle an visuellen und auditiven Eindrücken nicht immun: Das Gehirn ist permanent mehr Reizen ausgesetzt, als es verarbeiten kann – und so führt der Blick aufs Handydisplay nicht zur erhofften Entspannung, sondern stattdessen zu noch mehr Stress. Die Lösung: auf Handy, Fernseher und Laptop so weit wie möglich zu verzichten – und beispielsweise den Blick in die Natur statt auf den Bildschirm zu richten.
Auch beim Shoppen einen Gang zurückschalten
Auch beim Einkaufen lautet das Schlagwort: Zurückhaltung. Statt Impulskäufen stehen bewusste Kaufentscheidungen am Plan. Das heißt, sich vor dem Kauf beispielsweise zu fragen: Benötige ich das wirklich? Habe ich etwas Ähnliches bereits daheim? Wird es mir lange Freude bereiten? Billig verarbeitete Modeartikel, die vermutlich nicht lange halten, sollten nicht mehr auf der Einkaufsliste stehen. Bei größeren Anschaffungen gilt: Lieber ein bis zwei Nächte darüber schlafen, ob sich der Kauf auch wirklich lohnt. Auch bei Lebensmitteleinkäufen kann Minimalismus umgesetzt werden. Um sich auf das einfache Leben zu besinnen, kann es beispielsweise helfen, keine hochverarbeiteten Lebensmittel mehr zu kaufen. Besuche am Bauernmarkt statt beim Diskonter, die Kontrolle der Lebensmittelherkunft (lieber zu regionalen Lebensmitteln statt zu exotischen Produkten greifen) und die Erstellung eines Speiseplans für die ganze Woche helfen dabei, bewusster und nachhaltiger einzukaufen.

Auch einmal “Nein” sagen
Nicht zuletzt sind es auch oft berufliche und gesellschaftliche Verpflichtungen, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Kann man zum 50. Geburtstag des Onkel zweiten Grades wirklich einfach nicht erscheinen? Darf man beim Chef einmal die geforderten Überstunden verweigern? Natürlich kann man nicht immer “Nein” sagen – und schließlich tut uns ein geselliges Miteinander durchaus gut. Nimmt der Stress jedoch überhand und nehmen wir Termine nur noch widerwillig und mit Bauchweh an, wird es an der Zeit, die Notbremse zu ziehen. Mit dem Reduzieren von Konsumgütern haben Terminabsagen zwar wenig zu tun – zum einfachen Leben gehört jedoch auch ausreichend Zeit für sich selbst.
Positive Effekte nur bei freiwilligem Verzicht
Eine Studie des University College Dublin untersuchte im Jahr 2020 übrigens den Zusammenhang zwischen Minimalismus und Zufriedenheit. Es zeigte sich, dass Menschen, die Konsumgüter, aber auch Restaurant- und Kinobesuche und weitere Freizeitaktivitäten reduzierten, deutlich zufriedener und glücklicher waren. Sie fanden andere Wege für ihre Freizeitbeschäftigung, die sie nicht nur als geldsparender, sondern auch als deutlich erfüllender wahrnahmen. Gleichzeitig hatten sie auch das Gefühl von mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Allerdings galt das nur für jene Probanden, die freiwillig verzichten wollten. Wer eigentlich keine Lust auf ein einfaches Leben hatte und durch die Teilnahme an der Studie dazu gezwungen wurde, spürte durch den Konsumverzicht keinerlei positive Auswirkungen. Im Gegenteil: Diese Leute fühlten sich frustriert, eingeschränkt und hatten deutlich schlechtere Laune. Wenig Besitz ist also tatsächlich befreiend – aber nur, wenn man aus eigener Überzeugung auf die Dinge verzichtet.











