Es wird viel über Ernährung diskutiert: In Kindergärten, Schulen, im Freundeskreis und in Familien. Wer hat welche Intoleranzen, verzichtet worauf und warum, findet welche Diät großartig oder einfach nur abartig? Die einen behaupten, sämtliche Intoleranzen seien eingebildete Modeerscheinungen, verschiedene andere Ausprägungen werden gerne als „Wohlstandsprobleme“ abgetan. Die anderen sind der festen Überzeugung, eben jene Unverträglichkeiten bei sich diagnostiziert zu haben. Ernährungsweisen und Diäten wie Vegan oder Vegetarisch, Paleo, Clean Eating, Low-Carb, Keto, Atkins, South-Beach, Ananas- oder Kohlsuppen-Diät, Reis-Tage und Saft-Entschlackung sowie gefühlt hundert weitere bestimmen darüber hinaus nicht nur den Speiseplan sondern gehören zur Lebenseinstellung. Einige Gedankensplitter rund ums Essen:
Marie, 34: „Immer, wenn ich Stress habe, kann ich nur wenig essen. Dann denke ich den ganzen Tag darüber nach, ob mir das schadet.“
Erich, 76: „Ich esse nur einen Krapfen zum Frühstück und dann erst wieder am Abend, obwohl ich zwischendurch Hunger habe. Denn ich will auf keinen Fall dick werden.“
Kathi, 46: „Ich bin Veganerin, mein Mann nicht. Unsere Tochter isst vegetarisch und unser Sohn ernährt sich neuerdings glutenfrei. Ich bin immer gestresst, wie ich all das im Alltag managen soll.“
Gabriele, 42: „Meine Tochter ist 14 und übergewichtig. Ich überlege jeden Tag, wie ich sie dazu bewegen kann, weniger zu essen. Sie stopft alles in sich hinein. Das hat sicher psychische Gründe, aber sie weigert sich, eine Therapie zu machen.“
Monika, 64: „Ich war immer schlank, aber alle bei uns in der Familie eher dick. Meine Mutter hat zu mir gesagt: „Du wirst schon sehen, in deinen späteren Jahren bist du auch dick.“ Diesen Satz bekomme ich nicht aus dem Kopf und kontrolliere daher ganz streng, was ich zu mir nehme.“
Martin, 47: „Mir schmeckt Fleisch, aber ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, Tiere zu essen. Tiere sind meine Freunde und ich esse meine Freunde nicht.“
Grete, 67: „Ich mache mir viele Gedanken, was man überhaupt noch essen kann. Das und jenes ist gentechnisch behandelt, der Boden gibt keine Nährstoffe mehr her, und überall findet sich Chemie drin.“
Hanne, 59: „Zucker ist schlecht, Weißmehl ist schlecht, viele Zusatzstoffe sind schlecht – da bleibt mir doch die Pizza und die Torte im Hals stecken.“
Kurt, 70: „Irgendwann war Essen reine Notwendigkeit, später dann mit Genuss verbunden. Heute frage ich mich eher, wie giftig das ist, was ich auf meinem Teller habe.“
Verhalten zum Essen
Keine Frage – unsere Ernährung ist ein großes Thema. Es geht dabei schon lange nicht mehr nur um das Sattwerden oder die Gesundheit, sondern auch um die Figur, Moral, Nachhaltigkeit, den Klimaschutz, tief verinnerlichte Glaubenssätze und eine gewisse Ernährungsbiografie. Aber warum hat es gar eine so große Bedeutung für die meisten von uns, dass wir jeden Tag darüber nachdenken? Schließlich leben wir nicht nur in einer sicheren Region im Frieden, sondern auch in einer Gesellschaft, in der Nahrung immer zur Verfügung steht und niemand vom Hungertod bedroht ist.
Tatsache ist, dass es eher die Vielfalt von allem ist, die einen ins Grübeln bringen kann. Nicht nur die Unmengen an verschiedenen Arten von Joghurt, Brot, Reis und Nudeln, an Soßen, Gewürzen oder Süßem und Snacks, sondern die unübersichtliche Auswahl an Ernährungsformen und Diäten beschäftigen Frauen genauso wie Männer.
Und Sie? Warum ernähren Sie sich so, wie Sie es tun, obwohl es wahrscheinlich gute und vielleicht sogar wissenschaftlich erwiesene Gründe gibt, es anders zu machen? Die Antwort lautet: Weil es neben den erwähnten Gründen tief in Ihrem Unterbewusstsein Glaubenssätze gibt, die Ihre Gedanken und Ihr Verhalten zum Thema Essen lenken. Denn alte Muster sind mächtig. Falls bei Ihnen also keine Erkrankung vorliegt, bei der es notwendig ist, sich an gewisse Regeln zu halten, prüfen Sie einmal, ob folgende Aussagen auf Sie zutreffen könnten:
✓ Ich habe halt immer Hunger.
✓ Ich brauche einen Schutz, um mich abgrenzen zu können.
✓ Ich benötige mehr Kraft, weil andere meine Hilfe brauchen.
✓ Ich brauche Energiereserven für schlechte Zeiten.
✓ Ich kann mich nicht ändern, weil ich keine Disziplin habe.
✓ Wenn ich dünn bin, habe ich Erfolg.
✓ Ich werde nur geliebt, wenn ich schlank und trainiert bin.
✓ Wenn ich traurig bin, dann muss ich etwas essen.
✓ Bei Angstgefühlen hilft es mir, etwas Süßes zu essen.
Es gibt also viele Gründe, warum Ihre Gedanken mehr oder weniger emotional ums Essen kreisen. Wie die Expertinnen im Interview sagen, gibt es im Fall der Fälle die Möglichkeit, sich helfen zu lassen. Und ein Satz ist besonders wichtig: Achtsamer Umgang mit Essen ist ein Zeichen von Selbstliebe.
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