In freier Natur begegnet man einem Wacholderbaum nur noch sehr selten. In alten Flurbenennungen und Familiennamen ist er dennoch vielerorts präsent. Wie zum Beispiel beim Innsbrucker Flughafen Kranebitten. Weitere Bezeichnungen wie Queckholder, Machandel oder Weihrauchbaum nehmen Bezug auf traditionelle Verwendungen und den vielfältigen Volksglauben. Seine Spuren finden sich in klassischen Hochkulturen genauso, wie bei indigenen Stämmen und ihrem Schamanismus.
Der immergrüne Wacholder (Juniperus) zählt botanisch zur Familie der Zypressengewächse. Man kennt weltweit an die 70 Arten, die im Erscheinungsbild sehr uneinheitlich sind. Seine Vertreter finden sich beinahe ausschließlich auf der Nordhalbkugel, dafür aber über alle Kontinente verteilt, vom Meer bis ins Hochgebirge, und sogar auf Hawaii sind seine Verwandten heimisch. Je nach Art und auch Züchtung bringt Wacholder unterschiedlichsten Wuchs hervor. Seine Formen reichen vom bodendeckenden Busch, über meterhohe Sträucher bis zu mächtigen Solitärbäumen, welche von Wind und Wetter oft in bizarre Gestalten geformt werden. Wacholderbäume können sehr alt werden und so mancher Methusalem unter ihnen wird an die 1.000 Jahre geschätzt. Für Gärten, Parks und Friedhöfe lässt sich das immergrüne Nadelgehölz in Wuchs perfekt trimmen und eignet sich sogar als Bonsai.
Wacholder: Ein Grenzgänger
Wacholderbäume haben ihren Platz in der freien Natur dort, wo andere Sträucher und Bäume bereits aufgegeben haben. Als Tiefwurzler kommt er gut auf kargen, trockenen oder felsigen Grund zurecht und dank eines Wurzelpilzes überlebt er in den unwirtlichsten Gegenden. Als lichtliebendes Gewächs wächst er gern mit ausreichend Abstand zum Nachbarn. Daher trifft man auf Wacholder typischerweise an lockeren Waldrändern, hellen Lichtungen und beweideten Grasflächen, da ihn Weidetiere verschmähen.
Von vielen Artenschutzlisten ist Wacholder als gefährdet eingestuft, so auch in der internationalen UN-Liste. In Österreich ist er je nach Region und Art geschützt. Eines der wenigen größeren inländischen Vorkommen befindet sich im Weinviertler Naturpark Leiser Berge mit etwa 1.000 Exemplaren. Diese bedürfen allerdings umsichtiger Pflege, um den Bestand gut zu erhalten und ihn sanft bewirtschaften zu können.
Zum Verwechseln giftig. In Mitteleuropa ist Wacholder lediglich mit zwei Arten vertreten. Wirklich autochthon sind Juniperus communis, der Gemeiner Wacholder, dessen Beeren genutzt werden, und Juniperus sabina, der Stinkwacholder, auch Tamariske oder Sadebaum genannt. Zweiterer ist stark giftig. Möchte man also Wacholderbeeren sammeln, so sollte man beide absolut sicher unterscheiden können.
Aus besonderem Holz. Forstlich hatte Wacholder nie Bedeutung (wächst sehr langsam), obwohl seine Maserung wunderschön ist und sich das sehr feste Holz gut bearbeiten lässt. Es ist bestens für Schnitzereien, Drechselarbeiten, Einlegearbeiten und Kleinmöbel geeignet. Wacholderholz gilt als witterungsbeständig, ist resistent gegen Schädlinge und verbreitet einen angenehmen Geruch. Seine Späne verleihen beim Räuchern Fisch und Fleisch ein unverwechselbares Aroma. Als „Deutscher Sandarak“ oder „Unechter Weihrauch“ war das Wacholderharz früher sehr begehrt. Das ätherische Öl aus dem Holz, das Cade-Öl, findet heutzutage noch Verwendung.
Wertvoll für Tiere. Ökologish ist er ein wertvoller Baum. An die 100 Arten, zum Teil seltener, kleiner Säugetiere, Vögel und Insekten, nutzen den Wacholder als Lebensraum und Nahrungsquelle. Darunter der Wacholderprachtkäfer, die Wacholderminiermotte und die Wacholderdrossel.
Beeren, die keine sind
Der Wacholder ist zweihäusig, das heißt nur weibliche Pflanzen tragen Früchte, und es braucht mittels Windbestäubung eine männliche Pflanze in der Nähe. Seine Nadeln stehen in wirren Wirteln und sind auffällig spitz. Dieser nadelige Fraßschutz ist gleichzeitig eine ausgeklügelte Trockenheitsanpassung. Denn Regen und Morgentau laufen an den dünnen, spitzen Nadeln leicht ab und halten den Boden feucht. Die Wacholderbeeren sind botanisch gesehen fleischige Zapfen, die einen hartschaligen Samen umgeben. Zwischen Befruchtung und reifen Beeren vergehen drei Jahre. Daher findet man unterschiedliche Reifestadien zur gleichen Zeit am Ast.
Herbe Süße mit bitterem Abgang. Wacholderbeeren sind durch ihr herbes, aromatisches und leicht süßliches Aroma geschmacklich einzigartig. Sie passen hervorragend zu allen kräftigen, bodenständigen Speisen, wie Sauerkraut, Schweinsbraten, Lamm, Wildgerichten und Pilzen. Die schwarzen Waldperlen harmonieren sehr gut mit anderen kräftigen Gewürzen, wie Rosmarin, Lorbeer, aber auch mit Exotischem, wie Piment, Zimt und Orangenschale. Bei Wacholder gilt immer: Weniger ist mehr. Schwangere, Kinder und Personen mit Nierenthematik sollten auf Wacholder verzichten, da ein Zuviel seiner Wirkstoffe Wehen auslösen kann und die Nieren belastet.
Kein Gin ohne Wacholder. Als Basis der geschmackbestimmenden Botanicals, einer Mischung aus diversen Kräutern, Früchten, Samen, Wurzeln und Rinden, bestimmt die dunkle Beere die Grundnote jeden Gins. Als Aperitif oder Digestif, hilft er jeder Verdauung auf die Sprünge.
Medizinische Anwendungen. Im Laufe der Zeit versuchte man auch, unterschiedliche Leiden mit Wacholder anzugehen. Denn: Er entgiftet stark, schützt und stärkt. Bekannt ist etwa die 12-Tage-Wacholderkur nach Sebastian Kneipp. Er empfahl am Tag eins eine Wacholderbeere zu kauen und jeden Tag um eine weitere Beere zu steigern. Ab Tag zwölf führt man die Prozedur rückwärts durch. Das Ganze soll der Verdauungsförderung und der Entgiftung dienen. Mit dem heutigen wissenschaftlichen Wissen um die potenzielle Giftigkeit der Waldfrucht, wird von dieser Anwendung eher abgeraten. In der modernen Pharmazie beschränken sich seine Anwendungen auf Verdauungsprobleme, allgemeine Entgiftung, Wassereinlagerungen, Muskelentspannung und die desinfizierende Wirkung auf die Atemwege. Man findet Produkte, wie Tees, ätherisches Öl, Badezusätze, Räuchermischungen und Massageöle. Aktuelle Forschungen beschäftigen sich mit einer möglichen antitumoralen Wirkung des Wacholders.
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