Reisen ist etwas ganz Individuelles. Deshalb habe ich, selbst seit vielen Jahren als Reisejournalistin tätig, andere leidenschaftliche Reisende, Kolleginnen und Kollegen, zu diesem Thema befragt, ihren Gedanken gelauscht, und so erfahren, warum Reisen für sie so wichtig ist. Yvonne Beck aus Zürich beispielsweise ist Herausgeberin des Reisemagazins „Bucketlist“. Als sie drei Jahre alt war, unternahmen ihre Eltern mit ihr und ihrer älteren Schwester eine Reise nach Rumänien. „Wer genau auf die Idee kam, weiß ich nicht mehr, denn eigentlich stand seit Jahren in den Sommerferien Rimini auf dem Programm – zu fünft im Ford Granada – die Oma war natürlich auch immer mit von der Partie, Richtung Süden.“ Doch in diesem Jahr sollte alles anders sein. Die Oma blieb zu Hause und statt mit dem Auto ging es mit dem Flugzeug auf Reisen. „Von diesen Ferien sind mir nur Bruchstücke in Erinnerung geblieben, mein erster Flug, bei dem es Kaviar auf einem Kräcker gab, Bukarest mit den protzigen Großbauten und einem ganz eigenartigen Geruch sowie eine lange Flussfahrt auf der Donau, bei der man am Ufer Bauern mit Ochsen das Feld bestellen sah und meine Schwester, die seekrank wurde. Eigentlich nicht gerade die Ferien, die für Kinder interessant sind, doch sie sind mir bis heute in Erinnerung geblieben, da ich durch sie eine komplett andere Welt kennenlernte. Auf dieser Tour wurde ich mit dem Reisevirus infiziert und hatte seitdem das Glück, viele Länder bereisen zu dürfen – nah und fern.“ Für Yvonne bedeutet Reisen insbesondere „Aufbrechen und Neues entdecken“.
Neue Begegnungen
Als Erbwort der deutschen Sprache ist der Ausdruck Reise schon vor dem 9. Jahrhundert belegt. Das althochdeutsche Wort „reisa“ – das urgermanische Wort dazu war „risan“, im Vergleich dazu das englische Wort „to rise“ – bedeutete Aufbruch, sich auf den Weg machen, sich erheben, aufstehen, aber auch ins Feld ziehen, Beute machen, plündern und rauben.
Die Sehnsucht nach der Ferne allerdings ist gewiss noch älter, vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Seit jeher sind wir unterwegs – bis heute, obwohl fast jeder Ort auf dieser Erde längst erforscht ist. Dennoch hat das Reisen immer noch etwas Magisches. „Die große weite Welt ruft, und ich folge“, beschreibt Yvonne ihre Gefühle. „Ich durfte mit Schamanen durch den Regenwald wandern, in der Antarktis Gletschereis schmecken und im Ruhrpott Zeche einfahren. Meist sind es jedoch bestimmte Augenblicke, kurze Begegnungen mit Menschen oder ein besonderer Geschmack, die eine Reise unvergesslich machen.“ Leider haben inzwischen viele Menschen das Reisen verlernt, bedauert sie. „Sie nutzen fremde Länder nur als wechselnden Hintergrund fürs nächste Selfie. Statt sich mit einer fremden Umgebung zu beschäftigen, setzen sie sich lieber selbst in Szene. Für mich geht es auf Reisen hingegen darum, das Fremde zu begreifen und meinen eigenen Horizont zu erweitern. Mit Menschen in Kontakt zu kommen, mir ihre Geschichten anzuhören und vielleicht ihre Kultur ein wenig besser zu verstehen. Jede Reise macht etwas mit mir, lässt mich neu reflektieren. Im besten Fall nimmt man sich selbst einfach nicht mehr so wichtig.“
Mehr als ein Ortswechsel
Reisen verbindet Menschen und Länder und ist eine Form der Bildung. Darüber sind sich Reiseexperten und Vielreisende einig. Beim Reisen kann man auf rätselhafte und wunderschöne Weise vom ursprünglich geplanten Pfad abkommen und dafür viele weitere entdecken. Reisen bedeutet auch, sich in die Welt zu verlieben und festzustellen, dass wir alle zwar unterschiedlich, aber auch gleich sind. Es bedeutet, den Verstand und die Seele zum Leben zu erwecken und die Welt (wieder) mit den Augen eines Kindes zu sehen – voller Erwartung, Neugierde und Aufregung. Menschen reisen, um sich in Erinnerung zu rufen, dass sie nicht alles wissen und dass die Welt größer und geheimnisvoller ist, als es scheinen mag. Das Reisen ist eine ständige Erinnerung an all die Dinge auf der Welt, über die wir staunen. Viele Menschen reisen, um sich für eine gewisse Zeit ein schöneres Leben zu machen als sie es zu Hause haben. Unsere moderne Gesellschaft gilt dabei als besonders mobil.
Berufliche Ortswechsel sind nicht ungewöhnlich, Geschäftsreisende bewegen sich durch die ganze Welt und in den Ferien ist halb Europa unterwegs. Aber auch in der vormodernen Gesellschaft wurde die Welt fleißig bereist: zum Handeln und Pilgern, zur Entdeckung und Erforschung fremder Länder; zur Kur und zur Gesundung – zumindest galt dies für die Oberschicht – und nicht zuletzt, ebenso wie heute, zum Vergnügen. Das Reisen hat also eine lange und vielfältige Geschichte und die Menschen waren seit jeher in Bewegung. Dem stimmt auch Jutta Lemcke, Redakteurin mit Schwerpunkt Reise, aus Hamburg zu: „Reisen heißt vor allem in Bewegung zu sein und zu bleiben. Nicht nur in dem Sinne, dass man sich von einem zum nächsten Ort bewegt, sondern auch, dass man sich aus eingefahrenen und bequemen Denkmustern hinausbewegt und folglich Dinge ganz neu bewertet. Bewegung erfrischt bekanntlich nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Ich persönlich werde unruhig, wenn ich nicht in Bewegung bin. Deshalb bedeutet Reisen für mich tatsächlich, mich zuhause zu fühlen.“
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