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Junge Leute verzichten immer mehr auf Alkohol (Foto: Nadin Sh/pexels.com).
Junge Leute verzichten immer mehr auf Alkohol (Foto: Nadin Sh/pexels.com).

Prost ohne Promille

Samstagabend, ein romantisches Dinner im Jahr 2015: Zum köstlichen Menü wird selbstverständlich die Weinbegleitung bestellt. 5 Gänge, fünf Gläser Wein und davor noch ein Aperitif zum Anstoßen und im Anschluss ein Digestif für die Verdauung. Samstagabend, ein romantisches Dinner im Jahr 2026: gerne auch das 5-Gang-Menü, aber statt feinen Weinen, prickelndem Prosecco oder edlem Schnaps werden Wein-Proxys, Sparkling Teas, Pet Nat Teas oder Fruchtcuvées gereicht. Was raffiniert klingt, ist je nach Getränk nicht nur elegant, aromatisch oder herb, sondern vor allem eines – alkoholfrei.

Die neue Nüchternheit

Der Verzicht auf Alkohol oder zumindest ein bewusster, nur gelegentlicher Konsum lässt sich zum einen auf Kampagnen und gesellschaftliche Bewegungen wie „Dry January“ zurückführen, die nach den oft exzessiven Feiertagen im Dezember einen gesundheitlichen Neustart ins neue Jahr propagieren. Hinzu kommt der Lifestyle-Trend „Sober Curious“, der via soziale Medien Nüchternheit zelebriert bzw. einen reflektierten Umgang mit Alkohol fördert. Zum anderen auf Studienergebnisse zur schädigenden Wirkung von Alkohol und deren Kommunikation.

Prim. Dr. Roland Mader ist ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts in Wien, einer der führenden Suchtkliniken Europas, und Experte hinsichtlich Auswirkungen von Alkohol auf Menschen. „Alkohol ist eine wirklich sehr toxische, also giftige Substanz. Alkohol ist ein Zellgift und es gibt keine gesunde Menge, die man konsumieren kann. Jedes Glas Alkohol ist schädlich und schädigt jede Zelle im Körper, nicht nur die Leber.“

Zellschädigende Substanz

Deshalb hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Haltung zum Alkoholkonsum in den letzten Jahren drastisch verschärft. In der Vergangenheit galt als „risikoarmer“ oder der „maßvoller“ Konsum 10–12 Gramm reiner Alkohol für Frauen und 20–24 Gramm für Männer. (Die Gründe für den Unterschied: siehe Kasten.) Das entsprach in etwa 0,3 Liter Bier oder 0,125 Liter Wein für Frauen und 0,5 Liter Bier oder 0,25 Liter Wein für Männer. „Diese Grenzwerte sind seit einiger Zeit gefallen. Und auch die WHO sagt, dass jedes Glas eines zu viel ist“, betont Mader. Die Organisation stuft Alkohol als toxische, psychoaktive und süchtig machende Substanz ein, von der schon geringe Mengen das Risiko für Krebserkrankungen und Organschäden erhöhen.

Körperlich und geistig leistungsfähiger

Neben körperlichen Folgen wirkt Alkoholkonsum aber auch auf die Psyche. Abgesehen von Abhängigkeit können Depressionen oder Schlafstörungen entstehen. Umgekehrt hat der Verzicht sehr viele positive Begleiterscheinungen, erklärt der Mediziner: „Wir verfügen über ein gut funktionierendes Entgiftungsorgan – die Leber. Wird diese nicht durch Alkohol gefordert, kann sie sich mit anderen Entgiftungsprozessen beschäftigen. Das merkt man daran, dass man wacher und aktiver ist, also mehr Energie zur Verfügung hat, und auch weniger Schlaf braucht, um sich erholt zu fühlen. Insgesamt ist man also körperlich und geistig leistungsfähiger.“ Wer weitestgehend auf Alkohol verzichtet, hat häufig auch ein besseres Hautbild, spart Kalorien ein und verbessert sein Immunsystem.

Ein Drittel empfindet Alkohol als ungesund

Gute Gründe, die viele Menschen überzeugen, Teil der neuen „Nüchternheitsbewegung“ zu werden. Laut einer vor wenigen Monaten veröffentlichten Studie des Online Research Instituts Marketagent verzichtet knapp ein Fünftel der Befragten vollständig auf Alkohol, bei Frauen ist es sogar jede Vierte. Dieser Anteil hat sich in den letzten Jahren nahezu verdoppelt: 2022 lag die Abstinenzrate österreichweit noch bei elf Prozent. Die Gründe dafür sind vorwiegend gesundheitlicher Natur: Jeweils gut ein Drittel empfindet Alkohol als ungesund oder möchte den eigenen Körper damit nicht belasten.

Edle Varianten zu Wasser und Säften

Der Markt hat längst auf diesen Trend reagiert. Während die Umsätze von Wein und Bier sowohl in der Gastronomie als auch im Einzelhandel zurückgehen, sind alkoholfreie Alternativen längst keine Nischenprodukte mehr. Neben Bier, das es schon seit langem auch in diversen Varianten ohne Alkohol gibt, setzen auch immer mehr Winzer auf alkoholfreien Wein und Sekt. Die Verfahren – vor allem für hochwertige und geschmacklich feine Produkte – sind jedoch aufwendig. Es gibt zudem immer mehr Getränke, die zum Essen oder besonderen Anlässen als Alternative gereicht werden, die von vornherein niemals Alkohol enthalten haben. Wein-Proxys beispielsweise sind alkoholfreie Getränke, die speziell dafür entwickelt wurden, die Komplexität, Struktur und das Mundgefühl von Wein zu imitieren, ohne jemals Wein gewesen zu sein. Sie sind ein kunstvoller Verschnitt von Fruchtsäften, Tees, Kräutern, Gewürzen und Essig. Eine weitere Variante sind Sparkling Teas: fein perlende, alkoholfreie Schaumweinalternativen auf Basis hochwertiger Teesorten.

Gesellschaftlich muss mehr passieren

Trotz dieses zunehmenden Angebots und der steigenden Zahl an (teil-)abstinenten Menschen ist Alkohol aus dem gesellschaftlichen Leben schwer wegzudenken. Roland Mader kennt die Gründe dafür: „Alkohol ist die Volksdroge Nummer eins in Österreich und in unserer Gesellschaft sowie unserem sozialen Leben sehr verwurzelt. Die schädliche Wirkung wurde lange gesellschaftlich verharmlost. Außerdem ist er ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, was Gastronomie und Weinbau betrifft.“ Umso begrüßenswerter empfindet der Mediziner die neue Bewegung und hofft, dass Nichttrinken in Zukunft nicht nur toleriert, sondern vielmehr sehr positiv wahrgenommen wird. „Es soll nicht nur akzeptiert, sondern auch gefördert werden. Und dafür sind Weinbauern, die sich um guten alkoholfreien Wein bemühen oder Getränkeproduzenten, die schmackhafte Alternativen schaffen, ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.“

Geschlechter Unterschiede beim Alkoholabbau

Alkohol wirkt bei Frauen und Männern unterschiedlich stark. Der wichtigste Grund dafür ist, dass Frauen im Durchschnitt einen geringeren Körperwasseranteil haben. Da sich Alkohol hauptsächlich im Wasser des Körpers verteilt, führt dieselbe Menge Alkohol bei Frauen meist zu einer höheren Alkoholkonzentration im Blut. Deshalb erreichen Frauen oft schneller einen höheren Promillewert als Männer – selbst bei gleichem Körpergewicht. Außerdem produzieren Frauen in Magen und Leber durchschnittlich weniger des Enzyms Alkoholdehydrogenase, das am Abbau von Alkohol beteiligt ist. Dadurch gelangt ein größerer Anteil des konsumierten Alkohols unverändert ins Blut. Alkohol wird bei Frauen daher häufig langsamer beziehungsweise weniger effizient verarbeitet. Auch hormonelle Schwankungen können die Wirkung beeinflussen. Während bestimmter Phasen des Menstruationszyklus reagiert der Körper empfindlicher auf Alkohol. Zudem zeigen Studien, dass Frauen bei regelmäßigem Konsum schneller gesundheitliche Schäden entwickeln können, etwa an Leber, Herz oder Gehirn. Männer vertragen Alkohol statistisch oft etwas besser, weil sie im Durchschnitt mehr Körperwasser, mehr Muskelmasse und einen höheren Anteil alkoholabbauender Enzyme besitzen. Das bedeutet allerdings nicht, dass Alkohol für Männer ungefährlich wäre. Langfristig schädigt regelmäßiger Konsum beide Geschlechter erheblich. Die Unterschiede betreffen vor allem Geschwindigkeit und Intensität der Wirkung.

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