KNEIPP: Wer ist Erika Pluhar abseits einer Bühne?
Ich bin eigentlich ein zurückgezogener Mensch. Privat bin ich nicht gerne unter vielen Menschen. Und leider sind viele gute Freunde in meinem Alter schon gestorben. So sind meine jetzigen Bekannten
eher „Töchter und Söhne“. Für mich bedeutet öffentlich sein, auch ehrlich sein. Das ging so weit, dass ich es irgendwann ablehnte, noch „Rollen“ zu spielen. Ich schreibe Bücher und halte Lesungen, singe meine Lieder und trete damit auch auf. Mein Buch „Spät, aber doch“ handelt von der Liebesgeschichte zweier Menschen im höheren Alter. Außerdem schreibe ich Tagebuch und bin grundsätzlich der Meinung, dass „Schreiben, Singen und Gehen“ eine gute Art ist, mit Herausforderungen umzugehen.
Ihr erster Mann Udo Proksch galt als schillernde Figur in der Society. Ab 1974 war er Besitzer der Hofzuckerbäckerei Demel und Gründer des Clubs 45. Schließlich wurde er als Mörder im „Fall Lucona“ verurteilt und zu lebenslanger Haft verurteilt. 2001 starb er im Gefängnis an den Folgen einer Herzoperation. Wie war Ihre Beziehung zu ihm?
Ich kann nur eines sagen – er war ein liebenswürdiger Mensch und ein wunderbarer Künstler. Ihn hat das Spiel mit der Macht fasziniert, aber ich halte es für ausgeschlossen, dass er willentlich Menschen ermordet hat. Zum Fall Lucona möchte ich mich weiter nicht äußern, halte aber absolut für möglich, dass er dabei benutzt wurde. Ich habe ihn immer im Gefängnis besucht, und unsere Tochter Anna war sein Ein und
Alles. Ihren Tod hat er nie verkraftet.
Anna starb mit 37 Jahren an einem Asthmaanfall, als Sie gerade in Ihrem Studio Aufnahmen machten. Wie haben Sie reagiert?
Ich weiß noch, dass es an der Studiotür klopfte und man mir die Nachricht überbrachte. Ich habe sie dann tot auf dem Sofa liegend vorgefunden. Beim Tod meines Kindes bin ich das erste Mal gestorben. Aber als sie starb, konnte ich „nur“ weitergehen, denn mein Enkelsohn war erst 15 Jahre alt und hatte keine Familie. Darum bin ich trotzde in der Früh aufgestanden, habe trotzdem wieder etwas zu mir genommen und irgendwann bemerkt, dass mir trotzdem wieder etwas schmeckt. Der Tod meiner Tochter, das ist eine Trauer, die in mir lebt. Und die geht auch nicht weg. Aber solange man das Leben noch bejahen kann, muss man auch wieder zum Lachen finden können.
Der Tod hat oft Ihren Weg gekreuzt. Glauben Sie an ein Weiterleben und Wiedersehen danach?
Ich glaube nicht daran, dass etwas von uns weiterlebt, habe aber auch keine Angst davor, zu gehen. Doch vielleicht werde ich ja auch überrascht – frei nach meinem Lied „Schau ma mal, dann wer ma scho sehn“.
Ihr zweiter Mann war André Heller. Was hat Sie an ihm beeindruckt?
1970 haben wir geheiratet, nachdem wir uns bei einem Film kennengelernt haben. Mit 19 hatte er sein Erbteil aus der Schokoladenfabrik Heller für ein filmisches Projekt verpulvert, das kein finanzieller Erfolg war, ihm aber die Gelegenheit gab, mich kennenzulernen. Es war schon faszinierend, mit ihm nur zu sprechen. Zum Singen bin ich eigentlich über ihn gekommen. In einem Interview sagte er einmal, dass
ich damit ein Weltstar hätte werden können, aber das wollte ich ja gar nicht. Heute sind wir noch befreundet, obwohl wir längst geschieden sind. Betrogen haben mich sowohl er als auch Udo. Für
mich war immer die Liebe wichtig, die Treue weniger. Die gibt es doch eigentlich gar nicht. Auch ich hatte wunderbare Affären, allerdings nicht in der Zeit, als ich mit ihnen zusammen war.
Peter Vogel war der Mann, mit dem Sie eine sehr innige Beziehung hatten. Warum hat er sich das Leben genommen?
Die Alkoholsucht und die Depressionen waren stärker. Er war gerade auf einer Entziehungskur. Dort mietete er sich in einer Pension ein und beging Suizid. Ich bin der Meinung, dass es jedem Menschen
freistehen muss, sein Leben zu beenden. Gottseidank ist das nun auch in Österreich möglich.
Sebastian Kneipps Einstellung zur Erhaltung der Gesundheit ist nach wie vor aktuell. Was tun Sie dafür?
Von heutigem Fitness- und Wellnesstrend halte ich gar nichts. Ich mache gymnastische Übungen und gehe täglich eine halbe Stunde spazieren. Fleisch esse ich wenig, trinke etwa eineinhalb Liter Wasser am Tag und kaum Kaffee. Am Abend dürfen es dann ein bis zwei Gläser Rotwein sein. Ich war früher magersüchtig, habe das aber dank zweier Frauen, die ich im Urlaub kennenlernte, überwunden. Diese Damen verkörperten nicht das traditionelle Frauenbild, das ich durch die Magersucht ablehnte. Und so begann ich wieder zu essen. Kräuter interessieren mich nicht so und in meiner Lebenshaltung bin ich Agnostikerin. Ich bekenne mich also nicht klar zu einem Glauben an Gott, lehne dessen Existenz aber
auch nicht kategorisch ab. Ich bin vielmehr überzeugt, dass unser Verstand nicht die Fähigkeit hat, metaphysische Fragen zu beantworten.
ZUR PERSON
Erika Pluhar, geboren 28.2.1939, Sternzeichen Fisch, absolvierte nach der Matura das Max-Reinhardt- Seminar sowie die Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Bis 1999 war sie Ensemblemitglied am Burgtheater. Sie textete und interpretierte Lieder, hat Filme gedreht und zahlreiche Bücher veröffentlicht. 2000 erhielt sie das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien und 2009 den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln. Pluhar war zweimal verheiratet. Mit dem verurteilten Mörder Udo Proksch, an dessen Schuld sie bis heute nicht glaubt, hatte sie Tochter Anna, die mit 37 Jahren an einem Asthmaanfall gestorben ist. Ihr zweiter Mann war André Heller, mit dem sie – obwohl geschieden – noch immer in Freundschaft verbunden ist. Seelengefährte Peter Vogel nahm sich das Leben. Heute lebt sie mit Adoptivsohn Ignaz und seiner Familie in Wien Grinzing.
Mehr Infos: erikapluhar.net
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