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Die Mode hielt (und hält) sich auch nicht an die Anatomie (Foto: Elisaveta Ivanova/iStockphoto.com).
Die Mode hielt (und hält) sich auch nicht an die Anatomie (Foto: Elisaveta Ivanova/iStockphoto.com).

Kranke Mode?

Wir alle sind von Mode betroffen, können uns gar nicht dagegen wehren – selbst, wenn wir das glauben oder versuchen, wir entkommen dem Zeitgeist nicht. Täglich wird uns vorgeführt, was gerade „en vogue“ ist, und im Großen und Ganzen kopieren wir die allgemein vorherrschende Ästhetik: Abgesehen von Exzentrikern oder beim G‘schnas wird heute wohl niemand mit Schnabelschuhen, in Strumpf und Pluderhose, mit Zylinder oder mit meterhoher Perücke herumlaufen – in anderen Jahrhunderten hätte man sich geniert, ohne solche gesehen zu werden, oder wie heute gekleidet zu sein.

Aber nicht nur das Zeitalter, auch das Lebensalter zwingt dem Menschen Moden auf: Großmütter kleiden sich – bis auf Ausnahmen – anders als Teenager. Was nicht immer so war. Kinder wurden früher wie Erwachsene gekleidet, in manchen Jahrhunderten kleine Buben als Mädchen. Das mag heute fortschrittlich klingen, war damals aber gar nicht feministisch gemeint: Kleidchen waren leichter anzuziehen, Kinder sah man als geschlechtlos. Später war die Mann/Frau-Mode strikt getrennt: Knaben ab drei steckte man in weite Krabbelhosen, die ersten langen Hosen durfte „Mann“ mit zehn tragen. Sich so richtig männlich zu kleiden, „die Hosen anzuhaben“, gestattete man Burschen mit fünfzehn. Mädchen blieben einfach Mädchen.

Die ganze Geschichte der Menschheit ist jedenfalls voll von unglaublichen Modetorheiten: schmerzhaft, körperbehindernd, krank machend oder für Unfälle nahezu programmiert – ja, sogar tödlich. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber dass man glaubt, für Schönheit leiden zu müssen, ist schwer zu begreifen. Doch es geschah. Und geschieht.

Reichtum, Rang, Macht

Welches waren einst die unsinnigsten Modetrends unserer Hemisphäre – übrigens natürlich nur von jenen befolgt, die sich jeden Unsinn leisten konnten, also von Reichen und Adeligen. Bauern, Handwerker und Taglöhner hatten genug damit zu tun, sich am Leben zu erhalten, vor Kälte zu schützen, sich und ihre Kinder durchzufüttern. Warum also zog man sich diese lächerlichen unpraktischen, schmerzenden, sogar lebensgefährlichen Dinge an oder setzte sie auf? Nun, Reichtum und Rang zu zeigen, war schon immer und in den meisten Ländern eine ganz wichtige Motivation. Nicht nur durch Prunk und Protz, sondern manchmal sogar durch das Gegenteil, ein Understatement, mit dem man zeigt: Man hat es nicht nötig, sich am Wochenende herauszuputzen, man kann in abgewetzten Klamotten im Landhaus herumlungern (England); oder man zahlt extra für zerfetzte Jeans und zerrissene T-Shirts – eine besonders zynische Abgrenzung vom gemeinen Volk, das solche Dinge tragen muss, allerdings ohne Modelabel.

Jedenfalls wollte und will man herausragen, zum Gesprächsstoff werden, sich vom Pöbel unterscheiden. Zeigen, dass man Arbeit nicht nötig hat. Durch besonders lange Fingernägel, wie dereinst in China, wo auch die unsäglichen kleinen Lotus-Füße (man brach bereits Kindern die Zehen, um sie unter die Fußsohle zu klappen) bis 1912 Brauch waren. Ähnlich verrückt aus heutiger Sicht ging es im 16. Jahrhundert am Hof von Guglielmo Gonzaga, dem Herzog von Mantua, zu: Sein durch eine Wirbelsäulenverkrümmung nicht zu verbergender Buckel wurde modisch imitiert – man stopfte sich ebenfalls einen Buckel aus. Auch am Hof von Versailles zeigte sich die Elite als „dedicated follower of fashion“, um sich bei König Ludwig XIV anzubiedern. Da dieser hohe Stöckelschuhe trug und sich deshalb gerne auf einen Stock stütze, stützte sich bald der ganze männliche Hofstaat auf diese Gehhilfe. Und sie blieb in Europa bis ins 20. Jahrhundert angesagt: „Man“ gebrauchte den Spazierstock als Symbol von Macht und Geld.

Um Kopf und Kragen

Modetorheiten entstehen im Kopf. Oft im gelangweilten. Und für den Kopf. Dass man sich im alten Ägypten duftende Salbkegel auf den Kopf patzte, die langsam schmolzen, und aus den Haaren fettig herabtropften, kommt uns heute schon etwas bizarr vor. Ebenfalls erwähnenswert: der Turban, der auf dem Kopf eines Inders aus Panjab thront (zumindest 2014 noch thronte), aus einem 400 m langen Schal gewickelt und 35kg schwer. Aber bleiben wir in unseren Breiten. Auch nicht besonders windschlüpfrig waren die riesigen Spitzhauben, gegen Ende des 14. Jahrhunderts ein modisches Accessoire für die adelige Dame, „Hennin“ genannt. Durch Türen zu gehen war höchste Herausforderung für Eleganz und Gleichgewicht. Diese Riesentüten hatten übrigens nicht minder seltsame Gebilde verdrängt, die Hörnerhauben: Irgendwann wurden seitlich getragene Haargeflechte immer größer und höher, bis sie schließlich bei der eleganten Dame wie zwei riesige Hörner aus dem Kopf ragten, von Schleiern umwölkt, einem in der Mitte eingedrückten Riesenpolster ähnlich. Dazu passte für den damaligen Geschmack nur eine hohe Stirn (als Zeichen von Klugheit) und so riss man bereits Mädchen die Stirnhaare aus. Man zupfte auch die Augenbrauen möglichst dünn, färbte sie hell – und fand Wimpern hässlich. Auch sie wurden schmerzhaft entfernt.

Immer wieder konnte man es nicht lassen, die Figur, den Kopf optisch zu verlängern. Der Vorläufer der verrückten Perücken des Rokoko war wohl die Fontage, ein fast halbmeterhohes Drahtgestell, das mit Spitzen und Maschen geschmückt wurde, benannt nach einer Maitresse Ludwigs XIV. Der Sonnenkönig selbst hat, nach einem Anfall von Typhusfieber kahl geworden, die Allongeperücke (Allonge, Verlängerung) erfunden, deren aufgebauschte Locken über Brust und Rücken fielen, in allen Haartönen, auch weiß und grau gepudert. Sie wurde zur „Staatsperücke“ erklärt, einem offiziellen Herrschaftszeichen. Die Perücken der Frauen waren besonders hoch, gepudert und mit Juwelen, künstlichen Blumen, Vögeln, Spiegeln und allerlei Spitzen und Maschen besetzt – ein gefährlicher Schönheitswahn, denn das tierische Fett, das für das Styling verwendet wurde, und die Kerzen, die die Ballsäle erhellten, waren eine höchst gefährliche Kombination.

Schön giftig, schön schädlich

Man kann einfach alles übertreiben, auch in der Mode. Und so machte man auch vor der Anwendung von tödlichen Giften nicht halt. Hutmacher zum Beispiel begannen in den 1730erJahren, in Hasen- und Kaninchenfelle Quecksilber einzubürsten, um sie zusammenzukleben und verfilzt zu Zylindern zu formen: Der fröhliche englische Ausspruch „Mad as a Hatter“ und der verrückte Hutmacher in „Alice im Wunderland“ bezieht sich, eigentlich gar nicht lustig, auf das sogenannte Hutmachersyndrom, nämlich Entzündungen, Nervenschäden, Organversagen und Demenz. Später wurde das noch giftigere Arsen verwendet (in der Hutfabrikation ebenso wie bei Kleidung, Kosmetik oder Tapeten). Man trug Arsen am und um den Körper, vom Kopf bis zu den Socken, schmierte es auf die Haut, tropfte es in die Augen.

Die Mode hielt (und hält) sich auch nicht an die Anatomie. Taillen sind einmal so dünn wie möglich, zu anderen Zeiten verrutschen sie unter den Busen (Empire) oder verschwinden (20-er Jahre). Auch der Bauch sollte einmal heraus- dann wieder hineingewölbt sein. Eckige Schultern werden mal als unweiblich, dann wieder als Mode-Muss empfunden, unterstrichen durch ausladende Schulterpolster. Einmal zeigt man großen Busen, spitz herausragend, ein anderes Mal trägt man den Busen apfelrund auf einem Mieder vor sich her, dann wird er in riesiger Melonenform präsentiert, bis er zu anderer Zeit androgyn fast verschwunden ist. Der Po wird einmal ignoriert, ein anderes Mal ausgestopft und, heutzutage, gerne sogar chirurgisch vergrößert. Schon im 5. Jahrhundert begann man damit, den Körper umzubauen. Ein betonter Bauch war noch bis ins frühe 17. Jahrhundert ein Zentrum der erotischen Aufmerksamkeit. Danach fand man breite Hüften besonders weiblich. Die wurden durch Einlagen und Stoffwülste, den sogenannten „Weiberspeck“, noch erweitert. Dann war ein betonter Steiß gefragt: Der „Cul de Paris“, Pariser Po genannt.

Später wurde der ganz Unterleib zu unglaublichen Breiten aufgebauscht, der Reifrock war erfunden. Bis zu fünf(!) Meter Rockumfang mussten dann irgendwie durch Türen gequetscht, in Kutschen und auf Sofas untergebracht werden. Das Gestell war meist mit leichten Materialien wie Seide und Musselin umhüllt, flatternd und besonders leicht entflammbar, und so kam es immer wieder zu Todesfällen. So riet die Gazette „The Tablet“ schon 1858: „Wir empfehlen, dass jede Frau, die eine Krinoline trägt, von einem Fußdiener mit einem Eimer Wasser begleitet wird.“ Danach war übrigens wieder der Stockerlpopo gefragt, ab ca. 1880 mit der Wespentaille kombiniert. Diese wurde durch ein unbarmherziges, schmerzhaftes, atemraubendes, organschädigendes Kleidungsstück geformt: das aus eng aneinandergereihten Fischbeinstäbchen harnischartig zusammengefügte Korsett, ein echtes Marterinstrument. Die eingeschnürten inneren Organe, die eingedrückten Rippen (manchmal sogar extra entfernt!) verformen die Leber, Magen und Uterus. Die Folgen: Kurzatmigkeit, Verdauungsstörungen, manchmal sogar Lungenentzündung. Doch dafür war man modern und schön. Belegt ist ein bis zu 22 Zentimetern eingezwängter Taillenumfang. Da war Kaiserin Elisabeth, Sisi, vergleichsweise noch locker unterwegs: Ihre Taille soll 51 Zentimeter gemessen haben.

Paläste für Penisse

Männer können bei bedenklichen Modeerscheinungen durchaus mithalten. Zur Zeit Heinrichs VIII. stopfte man sich nicht nur die Waden aus, man betonte seine Männlichkeit auch mit den „Codpieces“, auffällig gestalteten Hosenlätzen, bei uns Schamkapseln genannt. Diese „hübschen, privaten Paläste für Penisse“, wie ein Schriftsteller sie nannte, waren Stofftaschen, die über dem Schritt getragen wurden und sich zu bizarren Formen auswölbten: spiralig, kugelig, in Wurstform nach oben gewunden. Einige trugen gar Gesichter. Man stopfte sie mit Rosshaar aus, mit Stroh oder mit Taschentüchern. Sogar mit Geld wurden die monströsen Penis-Etuis gefüllt. So stolzierten junge Männer mit ihren Genitalprothesen in den Straßen von Florenz, wo man sie „sacco“ nannte, und in Paris, wo sie „braguettes“ hießen, herum.

Ebenso wurden Schuhe in Modetrends gnadenlos vom Geh-Werkzeug zum behindernden Fußschmuck umgestaltet. Bis heute: Unfälle mit High Heels (dünne, hohe Absätze) von mindestens zehn Zentimetern Höhe, haben die Anzahl der Knochenbrüche durch Umkippen laut Unfallstatistik in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Unzählige Modetorheiten zeigen sich in unserer Geschichte der Eitelkeiten. Nicht alle sind so absurd wie die aktuellen Schönheitsoperationen, die man früher verschwieg und heute stolz zur Schau stellt – oft als Beweis, es sich leisten zu können. Warum man genauso aussehen möchte, wie alle anderen gestalteten (manchmal verunstalteten) Gesichter, ist unbegreiflich, wie viele dieser neuen Konformitäts-Regeln.

Eines haben neue Modetrends aber doch geschafft: Tätowieren ist heute kein Männervorrecht mehr. Ob das allerdings ein Vorteil ist, wird erst die Zukunft zeigen, wenn vielleicht wieder natürliche, ungestaltete Haut gefragt sein wird.

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