Auch wenn wir nichts mehr bewusst wissen und uns die meisten Phasen aus der frühen Kindheit erscheinen, als wären sie ausgelöscht, so ist gerade in dieser Zeit Wesentliches passiert, das unser ganzes weiteres Leben prägt. Denn, ob wir Wärme, Fürsorge und Sicherheit durch unsere Bezugspersonen erfahren haben, oder ob wir in einem emotional unterkühlten, sozial vernachlässigten Klima groß geworden oder gar traumatisiert wurde, ist auch fürs Erwachsenenleben entscheidend. Vielleicht kommt uns noch dunkel der erste Schultag in den Sinn. Ich habe z. B. noch eine kurze Erinnerung, als ich in der Schulbank mit meinem roten Kleidchen gesessen bin. Dieses Bild und die damit verbundenen Gefühle sind noch deutlich da. Beim Betrachten von meinen Babyfotos sieht es anders aus. Das sind Impressionen aus der Kleinstkinderzeit, mit denen ich bewusst nichts mehr verbinde. Aber so geht es uns allen. Und doch sind gerade auch die frühesten Kindheitserlebnisse ein wesentliches Fundament, da sie unser Selbstbild prägen, die Weichen für unser weiteres Leben stellen.
Sprache und Ich-Bewusstsein
Unser Sprachvermögen hat einen wesentlichen Einfluss darauf, was uns aus unserer Vergangenheit zugänglich ist. Erinnerungen werden leichter abrufbar, wenn sie sprachlich kodiert werden. Kinder lernen Sprache meist erst ab dem ca. zweiten Lebensjahr. In diesem Alter wächst der Wortschatz enorm. Daher können frühere Ereignisse nur schwer bewusst erinnert werden. Alles, wofür wir (noch) keine Sprache hatten, das, was wir noch nicht benennen konnten, landet in der Kiste des Vergessens. Aber es schlummert im Unterbewusstsein und wirkt in unserer Gegenwart fort. Das Ich-Bewusstsein schließlich ist ein „Game-Changer“, ein wesentlicher Kreuzungspunkt in der Entwicklung. Erst mit seiner Hilfe waren wir in der Lage, uns selbst als eigenständiges Wesen mit eigenen Gedanken, Gefühlen, Wünschen und Eigenschaften zu erkennen.
Das Ich-Bewusstsein ist ein zentraler Bestandteil der psychischen Entwicklung und Grundlage für Empathie, moralisches Denken und soziale Interaktion. Kinder entwickeln ein stabiles Selbstbewusstsein („Ich“), das für autobiografische Erinnerungen notwendig ist, erst mit zwei bis drei Jahren. Davor existieren zwar Erlebnisse, aber sie sind nicht als Geschichten, sondern als Empfindungen gespeichert: Nähe, Hunger, Angst, Geborgenheit. Man kann sagen, dass unser Gedächtnis, mit dem Ich wächst. Interessanterweise bleiben Sinneseindrücke besonders lebendig. Gerüche, Geräusche oder Geschmäcker können im Erwachsenenleben Erinnerungen hervorrufen, die lange vergessen schienen. Diese frühen Empfindungen werden Teil unserer emotionalen Landkarte. Sie beeinflussen, wie sicher wir uns in Beziehungen fühlen, wie stark unser Vertrauen in andere ist, oder wie leicht uns Loslassen fällt.
Die seelische Biografie
Was von einer Zeit bleibt, an die wir uns nicht bewusst erinnern können, ist das Unsichtbare. Die Art, wie wir Nähe empfinden, wie wir auf Stress reagieren, wie wir mit uns selbst sprechen. In der Psychologie nennt man es implizite Erinnerungen. Das heißt, sie wirken, ohne bewusst abrufbar zu sein. Das erklärt, warum manche Menschen tiefe Verlustängste empfinden, obwohl sie „keinen Grund“ dafür kennen, oder warum ein bestimmter Geruch oder Geschmack plötzlich Geborgenheit auslöst. Der Geruchssinn gilt übrigens als einer der evolutionär ältesten Sinne und kann deshalb sehr tiefgreifende Erinnerungen auslösen. Unser Körper und unsere Gefühle erinnern sich, auch wenn unser Kopf es nicht tut.
Die Psychotherapeutin Stefanie Stahl hat dieses Phänomen in ihrem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ anschaulich beschrieben. Sie unterscheidet zwischen dem Schattenkind, also den verletzten Anteilen in uns, die auf alte Wunden reagieren, und dem Sonnenkind, das für Selbstvertrauen und innere Stärke steht. Beide sind Teil unserer seelischen Biografie. Wer das Schattenkind versteht, kann lernen, es zu trösten und so den alten Mustern, die aus frühen Erfahrungen stammen, neue Wege aufzeigen. Dieses Konzept macht deutlich, wie Erinnerung und Psyche zusammenhängen, auch jenseits des Bewussten.
Ist das Erinnern wichtig?
Oft wünschen wir uns, die – nur scheinbar – verlorene Zeit zurückzuholen, durch alte Fotos oder Familiengespräche. Das kommt von der Sehnsucht nach dem, was wir in der Kindheit erlebt haben. Doch wichtiger als das Wiederfinden ist das Verstehen der Prägung. Und da kann z. B. eine Familienaufstellung ein guter Weg sein. Teilnehmende eines solchen Workshops können plötzlich, wie selbstverständlich, in die Rollen einzelner Familienmitglieder schlüpfen, und die Szenen so authentisch und echt nachempfinden und darstellen, als wären sie dabei gewesen – für den Betroffenen kann dies enorm heilsam sein. Auch kann das den Weg zu neuen Erinnerungen ebnen, einem tieferen Verständnis für die eigene Entwicklung. Und so können Sie Kindheitserinnerungen bewahren oder neu entdecken:
✓ Fotos und Videos. Sehen Sie sich zu Hause in Ruhe alte Fotos und Filme an. Sie machen Szenen von einst lebendig.
✓ Tagebuch führen. Sie werden überrascht sein, was im Zuge des Schreibens aus der Erinnerungsschatztruhe auftaucht.
✓ Gespräche. Sprechen Sie mit Geschwistern, Eltern, anderen Verwandten, Freunden oder einstigen Nachbarn über gemeinsame Erlebnisse. Das Teilen von schönen Erinnerungen schafft auch neue Nähe und Verbundenheit.
✓ Orte. Begeben Sie sich, wenn möglich, zu Orten oder Plätzen Ihrer Kindheit. Ich bin kürzlich mit einer Schulfreundin die Umgebung unserer ehemaligen Schule abgegangen. Der noch immer existierende Eissalon, das alte Café, haben plötzlich etliche Episoden und Erinnerungen in uns wachgerufen.
✓ Gemeinsam erinnern. Reden Sie mit vertrauten Menschen über die Anno-Dazumal-Zeit. Oft reichen schon paar Stichworte, und plötzlich taucht wieder scheinbar Vergessenes „lebendig“ in der Erinnerung auf. Gegenseitig frischt man Vergangenes leichter auf, ruft mehr und neue Erinnerungen ins Bewusstsein und hat dabei auch jede Menge Spaß.
✓ Rituale mit Kindern. Fördern Sie auch das Erinnerungsvermögen Ihrer Kinder und Enkelkinder. Lesen Sie ihnen vor, erzählen Sie Geschichten, spielen Sie Spiele, unternehmen Sie abenteuerliche Ausflüge, gestalten Sie Familienfeiern und pflegen Sie gemeinsame Rituale – all das schafft Erinnerungen, die später bewusst abgerufen werden können. Viele Kindheitserinnerungen sind mehr als Nostalgie. Sie sind kleine Kraftquellen, psychologische Anker, die uns in schwierigen Zeiten stabilisieren können. Sie prägen unser Selbstverständnis, unser Handeln und unsere Beziehungen. Manchmal ist es ein Duft, manchmal ein Klang, der uns zurückversetzt zu dem Kind, das wir einmal waren, und das wir, in all seinen Facetten, nie wirklich verlieren. Am Ende bleiben Kindheitserinnerungen immer lebendig, nicht weil sie perfekt sind, sondern weil sie wir selbst sind.
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