Die meisten Kinder freuen sich auf die Schule – und das auch nach den langen Ferien oder beim Wechsel vom Kindergarten auf die Volksschule. Manche Kinder entwickeln jedoch eine regelrechte Schulangst, bekommen Bauchschmerzen beim Gedanken an die Schule und haben große Versagensängste. Die Wiener Kinderpsychologin Karoline Wekerle erklärt: „Zunächst einmal muss man aber zwischen Schulangst und Schulphobie unterscheiden. Bei der Schulangst steht tatsächlich die Schule im Mittelpunkt: Kinder sind unsicher, haben Angst, den Ansprüchen nicht gerecht zu werden, oder haben soziale Ängste. Bei der Schulphobie wollen die Kinder aufgrund einer bestimmten Lebenssituation nicht in die Schule gehen: etwa wenn sich die Eltern gerade scheiden lassen, ein naher Verwandter gestorben ist, ein Elternteil krank ist usw. Diese Kinder leiden dann unter Trennungsängsten.“
Ein strukturiertes Systen

Wekerle führt weiter aus: „In vielen Fällen ist es das strukturierte System der Schule, das den Kindern Angst macht.“ Im Kindergarten können Kinder mehr oder weniger noch ihren eigenen Willen durchsetzen, oft auch in der Familie (für Tipps bei Streitereien zwischen Eltern und Kindern siehe hier) – in der Schule müssen sie sich dagegen einfügen und das machen, was ihnen vorgegeben wird. Und das ist alles andere als einfach. „Kindern, die aus strukturierten Familien mit klaren Regeln stammen, fällt es leichter als anderen“, so Wekerle, die selbst jahrelange Berufserfahrung als Lehrerin hat. Sinnvoll sei es, daheim gezielt für die Schule „zu üben“: „Man kann z. B. mit den Kindern Bücher anschauen, in denen erklärt wird, welche Regeln in der Schule gelten und was im Unterricht passiert.“
Üben im Alltag
Dass die Schule gerade für jüngere Kinder eine Herausforderung ist, liegt an mehreren Faktoren: Zum einen fehlen teilweise noch soziale Kompetenzen, vor allem bei Kindern, die zuvor wenig unter Gleichaltrigen waren. Zum anderen ist auch die Dauer des Unterrichts nicht zu unterschätzen: „So ein Vormittag ist für ein Schulkind im Volksschulalter wirklich lang und oftmals gibt es jetzt ja auch Ganztagesschulen“, so Wekerle. Drittens müssen die Kinder plötzlich sehr viele Dinge allein bewältigen, was für sie oft eine Herausforderung darstellt, ohne dass Eltern dies erkennen: „Kinder müssen plötzlich Zweierreihen bilden, zum Turnsaal gehen, sich allein umziehen, nachher ihr Gewand wieder finden – oftmals bedenkt man nicht, dass Kinder teilweise anfangs nicht wissen, welche Hose sie vorher angehabt haben oder wie sie ihren Rucksack öffnen können.“ Auch hier gilt die Devise: daheim üben, üben, üben. Und das, indem man die Kinder so viel wie möglich am Alltag teilhaben lässt: etwa indem man mit ihnen von klein auf den Rucksack für den Kindergarten und später die Schultasche packt, damit die Kinder wissen, was sich darin befindet und wie die Sachen aussehen. Auch die sonstige Einbeziehung in alltägliche Tätigkeiten erleichtert es, den Schulalltag zu meistern: „Kinder, die daheim sehr bemuttert werden, tun sich schwerer als jene, die oft mit altersgerechten Aufgaben betraut werden – zum Beispiel beim Einkauf selbst Produkte in den Einkaufswagen legen, selbst einmal die Tasche tragen, beim Kochen helfen usw.“ Und: Gruppenerfahrungen wie z. B. ein Sportverein oder ein Jungscharlager stärken ebenfalls die soziale Kompetenz der Schüler – das Einfügen in die Schulstruktur fällt damit leichter.

Was tun zu Schulanfang?
Gerade in den ersten Wochen nach den Sommerferien ist es ratsam für Eltern, die Kinder besonders zu unterstützen. Es gilt, einen allzu vollen Terminkalender zu vermeiden, aber in der Freizeit ausreichend Zeit mit Gleichaltrigen – im Idealfall aus der gleichen Klasse – einzuplanen. Zudem sollte man sich viel Zeit für Gespräche mit dem Kind nehmen, den Tag Revue passieren lassen und auch immer wieder nachfragen. „Anfängliche Unsicherheiten und Ängste des Kindes in den ersten Wochen und Monaten sind völlig normal und okay. Angst ist eine wichtige Grundemotion und Kinder müssen lernen, damit umzugehen“, beruhigt Karoline Wekerle. Und: „Eltern kennen ihre Kinder für gewöhnlich sehr gut und merken, wenn etwas nicht stimmt. Wenn das Kind z. B. generell einen schüchternen Charakter hat und sich mit neuen Situationen schwer tut, bereiten Eltern das Kind oft ohnehin vorab schon gut vor.“ Dass ein Kind so Panik vor der Schule habe, dass es sich weigert, überhaupt hinzugehen, komme zum Glück sehr selten vor. Möglichkeiten, um hier Erste Hilfe zu leisten, sind beispielsweise, ein geliebtes Kuscheltier mit einzupacken, genaue Abholzeiten festzulegen und das Kind bis in die Klasse zu begleiten. Und wenn alles nichts hilft? „Dann sollte man sich natürlich professionelle Hilfe bei Psychologen holen und mit den Lehrern sprechen. Die Schule hat in solchen Fällen Worst-case-Pläne und kann gut mithelfen. Wichtig ist, zu wissen, woher diese extreme Angst kommt“, weiß Wekerle.

Zur Person
Die Wiener Kinderpsychologin Karoline Wekerle kann ein breites Spektrum an Ausbildungen vorweisen: Neben der Ausbildung zur Kleinkindpädagogin hat sie u. a. das Lehramt für Volksschule und Sonderschule sowie das Studium der klinischen Psychologie abgeschlossen. Durch ihre langjährige Berufserfahrung sowohl als Lehrerin als auch als Psychologin kann sie in mehrerer Hinsicht weiterhelfen. Nähere Infos unter www.psychologie-wekerle.at











