Angefangen hat alles mit einer Beobachtung in der Ordination des amerikanischen Mediziners Dr. Lawrence Jones. Ein Patient, der vor Schmerzen des Bewegungsapparates kaum gehen konnte, wurde – um die lange Wartezeit angenehmer zu gestalten – auf eine Liege gelegt und für ihn wohltuend gebettet. Das volle Wartezimmer erlaubte eine Untersuchung erst Stunden später, da ging es dem Patienten aber plötzlich viel besser. Die Schlussfolgerung, die Dr. Lawrence Jones aus dieser und vielen weiteren Beobachtungen zog, war, dass schon die Lagerung des Patienten in bequeme und schmerzfreie Position zu spontaner Entspannung und verbesserter Beweglichkeit führt. Aufbauend auf dieser These und kombiniert mit seiner Erfahrung als Doktor der Osteopathie entwickelte dann der Anglokanadier Dr. Arthur Lincoln Pauls in den 1960er-Jahren seine Lehre der Ortho-Bionomy, die seit den 1980er Jahren auch in Österreich praktiziert und gelehrt wird.
Verstärken statt Korrigieren
Ortho-Bionomy ist also eine Methode der manuellen Therapie, deren Name aus dem Griechischen kommt und sinngemäß übersetzt „den Naturgesetzen folgend“ bedeutet. „Aber eigentlich ist Ortho-Bionomy viel mehr als nur eine Behandlungsmethode, eher eine Einstellung an sich“, ist Christina Schwab, Präsidentin von Ortho-Bionomy Österreich überzeugt. „Denn der Grundsatz ist, die freie Richtung zu entdecken – und das gilt nicht nur für die Behandlung, sondern für das ganze Leben.“ Betrifft es die Körperarbeit, heißt das, dass jemand, der Schmerzen verspürt, unbewusst eine Haltung einnimmt, die ihn schmerzfrei oder zumindest schmerzfreier macht. Ein Practitioner, so nennen sich die Therapeuten, wird nun nicht, wie bei anderen Anwendungen, entweder in den Schmerz hineinarbeiten oder versuchen, die Spannung zu lösen, sondern vielmehr die selbstgewählte Position beziehungsweise momentane Fehlhaltung sanft verstärken – also keine Korrektur im eigentlichen Sinne durchführen. Schwab: „Diese Verstärkung lässt den Körper die Fehlhaltung erkennen und bewirkt einen Impuls zur Selbstkorrektur“. Oder anders ausgedrückt: Das momentane Haltungsmuster wird erfahrbar gemacht und Veränderung kann stattfinden. Ortho-Bionomy wird daher auch „Homöopathie der Körperarbeit“ genannt. Es werden folglich nicht die Symptome selbst bearbeitet, sondern der Körper an sein inneres Wissen zur Selbstregulation und Entspannung erinnert.
Ortho-Bionomy ist eine Methode der manuellen Therapie, deren Name aus dem Griechischen kommt und sinngemäß übersetzt „den Naturgesetzen folgend“ bedeutet.
Schwachstellen aufspüren
„Eigentlich wissen wir ja alle selbst, was uns guttut oder angenehm ist. Sitzen wir zum Beispiel nicht mehr bequem, setzen wir uns einfach um. Solche Korrekturen finden die ganze Zeit über statt, meist unbewusst“, erklärt die Expertin. „Manchmal kann man aber nicht mehr intuitiv erfassen, was einem guttut. Sei es durch ein plötzliches Ereignis, wie z. B. einen Sturz, oder etwas sich allmählich Aufbauendes, wie permanent zu wenig Schlaf.“ In so einem Zustand kann nun der Ortho-Bionomy-Practitioner helfen: „In der konkreten Behandlungssituation schaue ich mir den Menschen an, wie er den Behandlungsraum betritt, wie er beim Gespräch sitzt oder wie er dann liegt, aber auch in welcher Stimmung er ist. So kann ich Schwachstellen herausfinden und versuchen, sein Haltungsmuster zu entdecken“, erzählt die Expertin aus der Praxis.
Selbstheilungskräfte anregen
Bei der Sitzung an sich arbeitet der Practitioner mit behutsamen Methoden. Er versucht durch achtsames Erspüren der Signale des Körpers eine nonverbale Kommunikation zwischen dem Klienten und sich herzustellen. Christina Schwab: „Der Practitioner lässt sich von seinem Patienten leiten, hört hin und gibt durch Verstärken des momentanen Haltungsmusters die Möglichkeit zu Veränderung. Ist beispielsweise ein Muskel so sehr verspannt, dass die Funktion eines Gelenkes gestört wird, wird dieser nicht schmerzhaft gedehnt, sondern in die freie Richtung bewegt – eine Position, die ihm erlaubt, in einer sicheren Stellung loszulassen. Damit erhält der Körper auf eine sanfte und schmerzfreie Weise die Information, wie er selbstständig die natürliche Harmonie des Muskels und des Gelenks wiederherstellen kann“.
Diese gezielte Unterstützung der autoregulativen Prozesse unter gleichzeitigem Stressabbau durch eine schmerzfreie und achtsame Positionierung ermöglicht optimale Bedingungen zur Entfaltung der Selbstheilungskräfte. „Ortho-Bionomy ist wie eine Kommunikation mit dem Körper, die aber über die Hände stattfindet“, so die Expertin. „Die Hände sind für uns wie ein Sinnesorgan oder unsere Antenne.“ Ihr Motto – und das aller Behandler ist: „Tu wenig und lass viel geschehen!“ Und dabei ist man achtsam, aufmerksam und nicht bewertend. Wichtig ist auch, dass mit dieser Methode keine Symptome behandelt werden, sondern der Mensch als Ganzes. „Ich gehe dabei nicht auf ein Symptom ein, sondern erfasse den Menschen in seiner Gesamtheit, um seine Ressourcen zu aktivieren und die Selbstregulation wieder in Gang zu bringen“, so Schwab.
Schreibabys und Bandscheibengeplagte
So individuell die Herangehensweise, so groß ist die Zahl der Anwendungsgebiete. Grundsätzlich eignet
sich Ortho-Bionomy für alle Arten von akuten und chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates, aber auch bei Stresssymptomatiken, Schlafstörungen oder Erschöpfungszuständen, da der Mensch in seiner Regulation gestärkt wird; ebenso ganz allgemein zur Gesundheitserhaltung und zur Steigerung des physischen und psychischen Wohlbefindens. „Auch Kinder, schon ab dem Säuglingsalter, lassen sich damit behandeln“, weiß Schwab. „Kinder sprechen grundsätzlich sehr gut und rasch auf Ortho-Bionomy an. Sie brauchen auch keine langen Behandlungen.“
Gerne kommen etwa Eltern mit Schreikindern – mit solchen, die von Koliken oder Bauchweh geplagt sind oder auch mit kleinen Kopfwehpatienten. „Übrigenskann man bei unseren Behandlungen immer angezogen bleiben“, erzählt Schwab. Das ist etwas, was viele Klienten als sehr angenehm empfinden. Angenehm ist auch, dass es keine Kontraindikationen gibt. „Wir begleiten unsere Klienten ja immer nur im Rahmen, der für sie gerade angenehm und möglich ist, wir überschreiten also keine Grenzen“, betont die Expertin. „Wir geben Impulse und der Körper arbeitet nach.“ Deshalb sind mögliche Reaktionen nach einer Sitzung: starke Müdigkeit, der man dann auch nachgeben und sich ausruhen sollte. Oder genau das Gegenteil, nämlich sehr viel Energie und das Gefühl, plötzlich viel Kraft zu haben.
„Der Körper erhält auf sanfte Weise die Information, wie er selbstständig die natürliche Harmonie des Muskels und des Gelenks wiederherstellen kann.“
Christina Schwab
Präsidentin Ortho-Bionomy Österreich
Ein Geschenk an Leidende
Oft genug hat die erfahrene Practitioner erlebt, wie Menschen von massiven Schmerzen geplagt in ihre Ordination gekommen sind und diese dann, bereits nach nur einer Behandlung, lockerer und schmerzfreier
wieder verlassen haben. „Deshalb ist Ortho-Bionomy für mich auch ein echtes Geschenk!“ Ein Geschenk, an das man nicht von vornherein glauben, aber auf das man sich zumindest einlassen sollte. Christina Schwabs Fazit: „Ortho-Bionomy ist wie Wasser: Es hält nicht vor einem Stein, sondern sucht sich seinen Weg. Diese Methode zeigt die vielen Möglichkeiten, die wir haben – und beharrt nicht auf einer.“
Häufige Anwendungsgebiete
~ Beschwerden des Bewegungsapparates: z. B. Kopfschmerzen, Nacken- und Rückenverspannungen, Tennisellbogen, Bandscheibenvorfälle oder Gelenkbeschwerden
~ Schmerzen: z. B. Kopfschmerzen, Migräne, Periodenschmerzen, Schmerzen nach Unfällen
~ Störungen innerer Organe: z. B. Vedauungsbeschwerden, Blasenentleerungsstörungen, Prostatabeschwerden, Zyklusstörungen und Schwangerschaftsunterstützung
~ Unterstützung bei kieferorthopädischen und zahnärztlichen Problemen
~ frühkindliche Entwicklungs- und Wachstumsstörungen
~ gehäufte Infekte
~ Störungen der vegetativen und hormonellen Regulation
~ emotionale Stresssituationen
~ Verdauungsbeschwerden
Ortho-Bionomy findet Einsatz bei Menschen jeden Alters, auch Tiere können sehr gut auf diese Weise behandel werden. Prinzipiell sollte jede Krankheit vor einer Ortho-Bionomy Sitzung medizinisch abgeklärt sein. Ortho-Bionomy ersetzt keine medizinische Behandlung.
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