Philosophische Lehren beschäftigen sich mit vielen Dingen: beispielsweise mit der Frage nach dem Sinn des Lebens, der Bedeutung des Menschen und der Suche nach Erfüllung und Zufriedenheit. Allgemeingültige Antworten auf diese Fragen gibt es nicht – und doch existiert die “Liebe zur Weisheit” (so die wörtliche Übersetzung der Philosophie) bereits seit der Antike. Auch die in Wien lebende Philosophin Lisz Hirn beschäftigt sich mit den Kernthemen dieser Geisteswissenschaft. Wir haben sie anlässlich des Welttags für Philosophie, der jeweils am 3. Donnerstag im November gefeiert wird, zum Interview über aktuelle philosophische Fragen gebeten.
Was ist für Sie das Faszinierende an der Philosophie?
Für mich ist es sehr spannend, dass man sich seit der Antike bis heute immer mit den gleichen Fragen auseinandersetzt. Es geht immer um Themen wie ein gutes Leben, um Glück, um Freiheit und den Tod, aber die Antworten fallen immer anders aus, je nach Gesellschaft und Epoche, in der wir leben.
Wie sieht denn heutzutage das gute Leben aus?
Aus philosophischer Sicht wird das gute Leben heute von materiellen Gütern bestimmt. Es geht in unserer Gesellschaft ganz stark darum, Bedürfnisse zu befriedigen, es geht um Sicherheit, Komfort und Planbarkeit. Das betrifft aber nur unsere Gesellschaft und unsere Zeit. Es gibt auch andere Ansätze für das gute Leben, z. B. des antiken Hedonismus. Der versteht den Luxus nicht als das, was den größten Genuss bringt, sondern im Gegenteil sind es die einfachen Dinge, die für uns leicht erreichbar sind, die uns den größten Genuss und das größte Wohlergehen bringen.
Was bringt denn den größten Genuss? Ich denke dabei automatisch ans Essen.
Ja, Essen ist ein großer Teil, aber es geht auch ums Zusammenleben der Gesellschaft und aller Lebewesen. Wir haben dafür den Ausdruck „gelehrte Eingeweide“. Also wenn jemand eine Gänseleber isst, die aus einem Mastbetrieb stammt und von schlecht bezahlten, unzufriedenen Mitarbeitern aufbereitet wurde, dann sollte er daran eigentlich keinen Genuss finden, weil es weder einem selbst noch dem Umfeld guttut. Das sind dann keine „gelehrten Eingeweide“. Genussvoller ist, ein frisch gebackenes Vollkornbrot mit einem guten Aufstrich zu essen. Oder ein anderes Beispiel: wenn man schwimmen gehen möchte, ist ein Gewässer mit guter Wasserqualität, in dem sich auch die Wasserorganismen wohlfühlen, besser für das Kollektiv als ein Luxuspool voller Chlor. Also es soll um den Genuss für alle, nicht nur für das Individuum, gehen.
Sie haben sich auf praxisnahe Philosophie und politische Philosophie spezialisiert – warum diese Themenbereiche?
Ich habe das Konzept, das Philosophie hinter dem Schreibtisch stattfindet, immer als sehr schwierig empfunden. Natürlich muss man vieles zu Papier bringen und darüber schreiben, aber nur, weil ich etwas aufschreibe, hat es sich noch lange nicht bewährt. Daher braucht man die philosophische Praxis, um zu sehen, ob sich diese Gedanken wirklich durchsetzen. Und die Spezialisierung auf die politische Philosophie liegt darin begründet, dass ja große Bereiche wie Gerechtigkeit und Gleichheit aus der Politik immer schon eng mit der Philosophie verwoben waren. Die Freiheit im Denken ist eine Grundvoraussetzung für die Demokratie.
Angesichts der aktuellen politischen Spannungen stelle ich mir das für die Philosophie sehr herausfordernd vor.
Subjektiv hat man das Gefühl, gerade in einer besonders aufregenden Zeit zu leben, aber wenn man sich die Geschichte ansieht, gab es diese Spannungen schon immer – sei es beispielsweise zwischen Kirche und Staat im Mittelalter oder zwischen Demokratie und Gewaltherrschaften in der Antike. Bis heute stellt sich dabei die Frage: Soll hier die Philosophie eingreifen oder soll sie nur beobachten? Es hilft aber auf jedem Fall dem politischen System, wenn man die Grundkonzepte der Philosophie versteht und danach arbeitet. Alte Schriftstücke beweisen, dass auch früher beschuldigt, geklagt und diffamiert wurde – das ist kein Phänomen der heutigen Zeit. Aber mit philosophischem Wissen kann man zumindest auf höherem Niveau streiten.
Wie bringt man dieses philosophische Wissen eigentlich unter die Leute? Die meisten Leute setzen sich vermutlich eher nicht mit philosophischen Erkenntnissen auseinander?

Dem muss ich widersprechen – ich behaupte, dass sich alle Menschen damit auseinandersetzen. Es geht schließlich um die ständig gleichen und grundlegenden Fragen, die eigentlich alle betreffen, beispielsweise den Tod. Aber auch vom Umgang mit der künstlichen Intelligenz (KI) sind wir eigentlich alle betroffen. Natürlich beschäftigen sich die Leute nicht auf wissenschaftlicher Ebene mit diesen Aspekten, aber das betrifft ja auch andere Wissenschaften. Es kann nicht nur Experten in jedem Bereich geben. Wichtig ist, dass es einen Mindestprozentsatz gibt, der sich wirklich intensiv damit auseinandersetzt, damit es in diesem Bereich keinen Rückschritt gibt – etwa bei den Frauenrechten. Wenn es nicht ausreichend Experten gibt, die sich in einem bestimmten Fachgebiet auskennen, verschwimmen die Grenzen zwischen Wissenschaft und Populismus. Wichtig wäre auch, die Philosophie bereits in Schulen besser zu vermitteln. Im Gymnasium hat man in der 8. Klasse das Fach Philosophie, aber das ist meiner Meinung nach ein bisschen zu wenig. Man könnte philosophische Impulse auch in anderen Unterrichtsfächern einfließen lassen, etwa logisches Denken bei der Mathematik. An manchen Schulen wird das bereits gemacht, aber das könnte man noch viel stärker fokussieren. Es muss einem bewusst sein, dass Demokratien nur dann überleben, wenn man dazu in der Lage ist, gemeinsam Dinge zu reflektieren.
Sie haben das Thema KI ja schon angesprochen: Die künstliche Intelligenz liefert Antworten auf Knopfdruck. Ist das eine Konkurrenz zur Philosophie?
Nein, weil die Philosophie keine Antworten gibt. Jede philosophische Überlegung ist keine Antwort, sondern immer nur das Weiterdenken eines Gedankens oder eine kritische Reflexion. Sie ist kein Untersuchungsergebnis, das einer wissenschaftlichen Prüfung statthält. Es geht vielmehr darum, Fragen besser und genauer zu stellen. Und die KI kann das nicht ersetzen, da ihr ein wesentliches Kriterium beim Fällen von Urteilen fehlt: die Verletzlichkeit und Leidensfähigkeit des Menschen. Eine Maschine kann diese Dinge zwar simulieren – und zwar so gut simulieren, dass manche Menschen darauf reinfallen –, aber sie kann nichts wirklich wissen und sie kann auch nicht leiden. Die Gefahr dahinter ist, dass wir uns von der KI abhängig machen und sie z. B. für uns Texte schreiben und Musik komponieren lassen. Dadurch verlernen wir selbst diese Fähigkeiten und verlassen uns zu sehr auf eine Maschine.
Was kann man dagegen tun?
Dass der Technikkonsum Folgen mit sich zieht, zeigen uns verschiedene wissenschaftliche Fachrichtungen. Aber wir können dieses Verhalten nicht einfach abstellen, wir können nicht einfach ohne Smartphone und ohne digitales Bankkonto leben. Daher müssen wir den richtigen Umgang mit der Technik üben und beispielsweise Regeln festsetzen wie: kein Smartphone am Esstisch. Das sind Dinge, die nicht einfach angeordnet werden können – so etwas muss sich kollektiv im Bewusstsein der Gesellschaft verankern.
Welche Rolle spielt denn die Philosophie in der heutigen Zeit eigentlich generell?
Ich bin immer sehr skeptisch, wenn es um philosophische Selbsthilfe und Ratgeber geht. Aber dennoch bietet die Philosophie Hilfe dabei, die eigene Position in die richtige Perspektive zu setzen und auch Grenzen wahrzunehmen. Sie fördert das Innehalten und auch das Nachfragen. Ich versuche, durch Schul- und auch andere Projekte dazu anzuregen, gemeinsam Antworten zu finden. Auch Leute, die in meine philosophische Praxis kommen, um Hilfe zu suchen, sollen sich der Frage stellen: Wie können wir uns gemeinsam Lösungen annähern? Und dies kann durch unterschiedlichste Mittel geschehen, etwa auch durch Kunst. Das ist ja das Spannende: immer wieder neue Lösungswege zu beschreiten. Denn wenn man immer das Gleiche macht, bekommt man auch keine neuen Inputs.
Wo wird die Reise der Philosophie hingehen?
In den vergangenen Jahren war eine starke Hinwendung zur Wissenschaftstheorie spürbar. Die starken Tendenzen in Richtung Selbsthilfe und Glück werden dagegen meiner Meinung nach eher rückläufig sein. Ein neuer Schwerpunkt wird die Technikphilosophie sein – also alles, was sich mit dem Umgang mit Technik und KI beschäftigt. Und aufgrund der aktuellen Entwicklungen wird sich vermutlich auch die Frage ergeben, wie wir trotz Krisen und Katastrophen ein gutes Leben haben können.

Zur Person
Lisz Hirn studierte Geisteswissenschaften in Graz, Wien, Paris und Kathmandu und arbeitet derzeit als Universitätslektorin am Institut für Architektur und Entwerfen der TU Wien sowie am ULG Philosophische Praxis der Universität Wien. Zusätzlich ist sie als Philosophin und als Dozentin in der Jugend- und Erwachsenenbildung sowie als freiberufliche Künstlerin tätig. Zudem hat sie mehrere Publikationen veröffentlicht.










