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Als unterstützende Maßnahme für pflegende Angehörige wird österreichweit das „Angehörigengespräch“ angeboten (Foto: Frazao Studio Latino/iStockphoto.com).
Als unterstützende Maßnahme für pflegende Angehörige wird österreichweit das „Angehörigengespräch“ angeboten (Foto: Frazao Studio Latino/iStockphoto.com).

Für dich da – bis an meine Grenzen

Die Pflege daheim ist für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Ich behandle als Psychologin Klientinnen, die Mutter, Vater oder ein anderes Familienmitglied betreuen. Und ich weiß, welche persönliche Belastung oft damit verbunden ist. Karin hatte einen Job in einem Reisebüro, zwei Kinder und einen Ehemann. Dann erkrankte ihre Mutter, und nachdem sie aus dem Spital entlassen wurde, stand fest, dass sie Pflege benötigen würde. Karin zögerte nicht einen Moment. Für sie war klar, dass sie sich um sie kümmern würde. Ihrer Auffassung nach war das die Aufgabe einer Tochter, und so wurde die Mutter in einem Zimmer bei der Familie einquartiert. Als Karin zu mir kam, war sie am Ende ihrer Kraft. Sie schlief kaum, weil sie auch in der Nacht gebraucht wurde, mit ihrem Mann gab es Spannungen, und sie konnte kaum mehr die Anforderungen ihres Berufes bewältigen. Ständig hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie wusste, dass entweder ihr Mann, die Kinder oder die Mutter auf der Strecke blieben. Eine Person vergaß sie dabei allerdings – und das war sie selbst.

Diese Situation ist typisch. Nahezu 100 Prozent der Pflegeaufgaben im privaten Umfeld übernehmen Frauen, und nicht wenige gehen daran fast zugrunde. So habe ich häufig erlebt, dass sie selbst erkrankten oder jede Lebensfreude verloren. Hinzu kommt, dass viele sich Unmutsgefühle kaum eingestehen und durch den inneren Konflikt noch mehr geschwächt werden. Wichtig: Es ist großartig, wenn Sie das Bedürfnis haben, in der Not zu helfen. Daran ist nichts verkehrt. Aber gerade Frauen neigen dazu, über ihre eigenen Grenzen zu gehen und sich mit Schuldgefühlen zu zermürben. Wenn Sie das betrifft, halten Sie einmal inne und machen Sie sich alle möglichen Belastungsfaktoren einer solchen Situation bewusst:

  • Zeit. Pflege beansprucht enorm viel Zeit, die oft zusätzlich zu anderen Pflichten aufgebracht werden muss. Dazu kommt, dass sich die Bedürfnisse eines Kranken nicht nach der Uhr richten, sondern naturgemäß jederzeit und immer auftreten können. Wenn Sie dafür zur Verfügung stehen, haben Sie woanders zu wenig Zeit – für Ihre eigene Familie, den Beruf, Freizeitaktivitäten und für sich selbst.

  • Verpflichtungsgefühl. „Ich kann sie doch nicht im Stich lassen“, „Ich muss mich doch um ihn kümmern“, „Es ist meine Aufgabe, sie zu pflegen“ – diese Sätze höre ich immer wieder. Ich höre sie von Frauen, die mir bleich und zutiefst erschöpft gegenübersitzen. Ihre Kraft schwindet mit jedem Tag. So kümmern sie sich bis zum Zusammenbruch auch um eine Mutter, die ihnen nie Wärme gab oder um einen Vater, der sie sogar misshandelte. Einmal erhielt ich auf die Frage, was diese Stahlkette aus Pflicht lockern könnte, folgende Antwort: „Wenn sie stirbt“. Das klingt erschütternd, bringt aber klar zum Ausdruck, was manche Betroffene fühlen. Verurteilen Sie sich nicht, wenn Sie solche Gedanken haben. Das ist unter diesen Umständen verständlich. Aber machen Sie sich klar, dass Ihre Mutter oder Ihr Vater nicht sterben muss, damit Sie wieder Ihr eigenes Leben führen können. Es ist Ihr Recht, auch Ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen, und sich nicht bis zur Selbstaufgabe zu opfern. Keiner kann uns so unter Druck setzen wie wir selbst. Die pflegebedürftige Mutter von Gerlinde ermutigte ihre Tochter immer wieder auszugehen, und für sich etwas Gutes zu tun. Aber Gerlinde lehnte ab. Die Vorstellung sich zu amüsieren, während ihre Mutter zu Hause im Bett lag, war einfach absurd. Einem tiefen Programm aus dem Unterbewusstsein folgend, musste sie leiden, weil ihre Mutter gelitten hat. Aber auch wenn ein Angehöriger Ihre ständige Gegenwart einfordert, sind Sie nicht dazu verpflichtet, dauernd präsent zu sein. Die Pflichten, die sie haben, umfassen nämlich auch die Fürsorge für Ihr Leben.

  • Unterdrückter Groll. Wenn uns ein Mensch oder eine Situation die Luft zum Atmen nimmt und wir uns gleichzeitig außer Stande sehen, eine Grenze zu setzen, entsteht Groll. In einer Pflegesituation kann es z. B. durch Demenz auch dazu kommen, dass Sie für die Zuwendung keinen Dank erhalten, sondern mit Beschimpfungen des Pflegedürftigen konfrontiert sind. Das wird von vielen Betroffenen als besonders schlimm empfunden. Wenn Sie nun Groll spüren, machen Sie sich klar, dass Sie ein Recht auf dieses Gefühl haben und versuchen Sie, damit umzugehen. Das kann in einer therapeutischen Situation geschehen oder auch im Gespräch mit einer Vertrauensperson. Viele Frauen erlauben diesem Unmut jedoch nicht einmal, bis ins Bewusstsein zu dringen. Allein der Gedanke, Sie könnten Ihrer Mutter oder Ihrem Vater grollen, löst heftige Abwehr aus. Doch nicht eingestandener Groll vergiftet auf Dauer Psyche und Körper.

  • Wunsch, wegzulaufen. Einmal sagte mir die Schwester einer Krebspatientin, die sie daheim pflegte: „Manchmal stelle ich mir vor, dass ich aus der Tür gehe und einfach nicht wieder komme. Ich halte es nicht mehr aus.“ Einen kranken Menschen zu betreuen, stellt an Angehörige höchste Ansprüche. Sie sind mit dem Leid des Betroffenen konfrontiert, aber auch mit den eigenen Gefühlen von Sorge, Angst, Hilflosigkeit oder gar Zorn. Dazu kommt, dass manche pflegerischen Handlungen eventuell Ekel auslösen. All das kann das Bedürfnis hervorrufen, aus der Situation fliehen zu wollen. Das ist verständlich! Entwickeln Sie keine Schuldgefühle, sondern suchen Sie Entlastung in jeder Form.

Hilfsangebote

Überlegen Sie auch, ob Sie die Pflege überhaupt übernehmen wollen. Seien Sie dabei ehrlich zu sich selbst. Nicht jede Frau ist eine Mutter Theresa oder möchte das sein. Zwischen einer Heimbetreuung (was natürlich für den Betroffenen oft sehr hart ist) und Ihrem Engagement, gibt es z. B. die Lösung, eine Pflegerin oder einen Pfleger zeitweise oder ganz ins Haus zu nehmen. Wenn finanzielle Überlegungen ein Faktor sind, denken Sie an Unterstützung durch Pflegegeld oder an Hilfe durch mehrere Angehörige. Lassen Sie nicht zu, dass für Sie alles außer Kontrolle gerät und Sie nur mehr als Pflegeperson „funktionieren“. Fest steht: Wenn Sie Ihre Ansprüche nicht anmelden, wird auch niemand sie berücksichtigen. Helfen Sie, wenn Sie das gerne möchten, aber nicht um den Preis Ihres eigenen Lebens.

Das Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz bietet vielfältige Unterstützung an:

Angehörigengespräch

Als unterstützende Maßnahme für pflegende Angehörige wird österreichweit das „Angehörigengespräch“ angeboten, das von Psychologinnen und Psychologen geführt wird. Dieses Gespräch kann zu Hause, an einem anderen Ort, telefonisch oder online erfolgen. Bei Bedarf werden bis zu zehn Termine vereinbart. Das Angehörigengespräch ist kostenlos und Sie können es unter 050 808 2087 anfordern.

Hausbesuche

Bezieher von Pflegegeld können von diplomierten Gesundheitsund Krankenpflegepersonen zu Hause besucht werden. Dabei wird die konkrete Pflegesituation erfasst und, wenn notwendig, umfassend informiert und beraten. Im Vordergrund stehen praktische Pflegetipps (z. B. richtiger Lagerungswechsel, Körperpflege), aber auch spezifische Informationen wie die Versorgung mit Hilfsmitteln oder zum Angebot von sozialen Diensten und Kurzzeitpflege. Ein solcher Hausbesuch ist ebenfalls kostenlos, und kann auf Wunsch auch unter 050 808 2087 angefordert werden.

Angehörigenbonus

Personen, die nahe Angehörige, denen zumindest ein Pflegegeld der Stufe 4 gebührt, in häuslicher Umgebung pflegen und sich aufgrund dieser Tätigkeit in der Pensionsversicherung begünstigt selbst- oder weiterversichert haben (Pensionsversicherung für pflegende Angehörige), erhalten ab Juli 2023 einen Angehörigenbonus.

Pflegende Kinder und Jugendliche – „Young Carers“

„Young Carers“ sind ein globales Phänomen, doch zu diesem Thema besteht noch großer Informationsbedarf. Die Studien „Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige“ (2012, 2014) geben Einsicht in ihre Situation in Österreich. Im Auftrag des Sozialministeriums wurde nicht nur die Anzahl pflegender Kinder und Jugendlicher erhoben, sondern auch, welche Aufgaben sie in der Familie übernehmen und welche Wünsche und Bedürfnisse sie für sich und die Familie haben. Demnach leisten pflegende Kinder in den verschiedenen Lebensbereichen Unterstützungsarbeit. Je nachdem, wo sie gebraucht werden, helfen sie im Haushalt, den gesunden Geschwistern oder in der direkten Pflege der erkrankten Person. Knapp ein Viertel der „Young Carers“ helfen in allen drei Bereichen überdurchschnittlich viel, manchmal fünf oder mehr Stunden am Tag. Hilfe von außen, z. B. durch Freunde oder eine Pflegeperson, geben Kinder nur selten an. Österreichweit wurden 42.700 pflegende Kinder und Jugendliche (5 bis 18 Jahre) ermittelt. Das durchschnittliche Alter liegt bei 12,5 Jahren, 70 Prozent der „Young Carers“ sind weiblich. Migration hat keinen Einfluss auf kindliche Pflege.

superhands.at bietet Hilfe und Rat – kostenlos, anonym, telefonisch und online

Weitere Informationen: sozialministerium.at pflege.gv.at young-carers-austria.at

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