Noch um 1900 fanden die meisten Männer studierende Frauen absurd. Man(n) warf ihnen die Unfähigkeit, logisch zu denken, vor, und dass sie an Universitäten nur auf Männersuche wären. 18 Jahre später wurde das Frauenwahlrecht eingeführt. Doch sehr viele Männer fühlten sich durch die weiblichen Wünsche nach Gleichberechtigung bedroht. Sogar Ärzte warnten damals öffentlich die Frauen: „Politische Aktivität kann die Nerven schädigen, die Menstruation stören und die Mutterschaft gefährden“.
Quiet, Piggy!
Gut, das ist schon länger her, aber auch in der Gegenwart braucht man nicht lange nach ähnlich Geartetem zu suchen. Im Austrofaschismus und der NS-Zeit schickte man Frauen wieder zurück zum Herd, als Dienerin der Familie. Selbst heute geben Machthaber wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Sätze wie folgende zum Besten: „Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen; das widerspricht der Natur.“ Dass Frauen, die nicht dem gerade aktuellen Schönheitsideal entsprechen, zuweilen auch lächerlich gemacht werden, dass ihre Kleidung immer wieder kritisiert, ihr Alter weit früher als bei Männern zu ihrem Nachteil argumentiert wird, ist im Zeitalter eines US-Präsidenten Donald Trump („Quiet, Piggy“, „Grab them by the Pussy“ etc.) leider wieder zum Alltag geworden. Da beklagt ein US-Kongressabgeordneter in einer Radio-Show, dass Männer Frauen nicht mehr Schlampen nennen dürfen. Oder JD Vance, US- Vizepräsident, nennt unverheiratete Politikerinnen diskriminierend „…einen Haufen kinderloser Katzen-Damen“. Aber bleiben wir in unserem Land. Erst seit 1975 dürfen Frauen – im Rahmen der Fristenlösung bei Schwangerschaften – selbst über ihren Körper bestimmen.
Dass Frauen ohne Zustimmung des Ehemanns arbeiten gehen dürfen, einen Pass für sich und die Kinder beantragen können – was davor selbst nach einer Scheidung nicht möglich war –, ist erst seit 1976 real. Und dass eine Gattin ihrem Ehemann nicht immer zu Verfügung stehen muss, wurde gar erst 1989 geregelt (erst seit da ist die Vergewaltigung in der Ehe strafbar). Doch es sind auch die scheinbar „kleinen Bemerkungen“ in der Öffentlichkeit, die vieles über die eigene Haltung verraten. „Ich werde es auch weiterhin so halten, dass meine Freundin keine Interviews gibt”, entmündigte vor wenigen Jahren beispielsweise ein mittlerweile Ex-Bundeskanzler seine Partnerin. „Ob der Popsch hält, was der Blick verspricht. Das erfahren zu wollen wird nun bestraft”, bekrittelte mehr oder weniger elegant ein inzwischen Ex-Nationalratsabgeordneter die Verschärfung des Sexualstrafrechts. Und ein hochrangiges Mitglied der Identitären-Bewegung Österreichs meinte zur Vereinigung „Omas gegen Rechts“: „Wenn man länge lebt, als man nützlich ist, und vor lauter Feminismus nie stricken lernte“.
Ein dorniger Weg
Veränderung ist möglich. Der Kampf der Suffragetten (so wurden in England die ersten Frauenrechtlerinnen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert genannt), die Aktionen vieler Feministinnen, der Kampf um Geschlechter-Fairness, all das wirkt: Es gibt Länder, die die Gleichberechtigung ernst nehmen. Der Gender Inequality Index (GII), das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, hat einen Indikator für Geschlechter-Ungleichheit festgelegt, der drei Dimensionen berücksichtigt: reproduktive Gesundheit, Empowerment (Selbstbestimmung) und Arbeitsmarkt. Den besten GII hat Dänemark, wo schon 1924 die erste Ministerin überhaupt gewählt wurde; wo es 1999 erstmals für Geschlechtergleichheit einen Ministerinnen-Posten gab. Eine Premierministerin folgte 2011, heute ist das Mette Frederiksen, ebenfalls eine Frau. Norwegen an zweiter Stelle übertrifft Dänemark sogar an weiblichen Parlamentssitzen: 46,2 Prozent zu 43,6 Prozent. Schweden, die Schweiz, Holland, und Finnland folgen. Österreich belegt immerhin den 10. Platz vor Frankreich. Leider nicht beim „Gender Pay Gap“, also bei der beruflichen geschlechtsbedingten Einkommensdiskrepanz. Da herrscht bei uns einer der höchsten Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern in Europa: Frauen verdienen in der Privatwirtschaft rund 17 bis 18 Prozent weniger pro Stunde als Männer, nur in Estland und Tschechien ist es noch schlimmer. Man führt das auf die hohe Teilzeitquote bei Frauen zurück, viermal mehr Frauen als Männer haben Teilzeitjobs.
Überraschend ist der 13. Platz für die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), noch vor Slowenien, Spanien oder Italien, vor Luxemburg, Kanada, Irland und Australien. Als Hauptgründe werden genannt: Quotenförderung, neue Gesetze für gleichen Lohn für gleiche Arbeit, der Frauenanteil unter Hochschulabsolventen – auch in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Pflicht ist dort auch mindestens eine Frau im Vorstand börsennotierter Unternehmen. Kontrolliert wird das von einem eigenen „Gender Balance Councel“. So haben sich die VAE in nur zehn Jahren von Platz 49 aufwärts entwickelt. Angesichts der Statistiken bleibt aber noch viel zu tun: Frauen, 51 Prozent der Menschheit, sind nur zu 20 Prozent Landbesitzerinnen. Sie erhalten elf Prozent von dem, was Männer verdienen, erbringen aber 66 Prozent der Arbeitsleistung. Alleinerziehende sind zu 83 Prozent weiblich, und laut einer Studie des gewerkschaftsnahen „Momentum Instituts“ leisten bereits zehn- bis vierzehnjährige Mädchen um 31 Prozent mehr Pflegearbeit als Buben, bei den älteren Jugendlichen sind es sogar um 49 Prozent mehr.
Nur ein Drittel der weiblichen Menschheit, verglichen mit Männern, hat Zugang zum Internet. Oder zu höheren Posten in der Politik. Nur etwa 30 Prozent der Führungspositionen weltweit sind mit Frauen besetzt. Dabei schneiden Frauen laut Erhebungen bei Prüfungen besser ab, müssen seltener wiederholen, legen mehr Staatsexamen ab als ihre männlichen Kollegen, und dominieren vor allem in Geisteswissenschaften, in Medizin und Sozialwissenschaften. Alles durchschnittlich. Leider sind weltweit gesehen zwei Drittel der Analphabeten Frauen und 40 Prozent mehr Frauen als Männer haben überhaupt keine Schulbildung. Aber die Situation verbessert sich jährlich.
Alle für Alle
Und man kämpft weiter. Nicht nur Frauen. Am 8. März sind heuer Männer für feministische Anliegen auf die Straße gegangen, sind gegen patriarchale Gewalt und Sexismus aufgetreten. Die Männerinitiative „Take Part, not Space“ (frei übersetzt: „Mach mit, statt dich wichtig“), eine Initiative von Männern aus Berlin und Wien, fordert „Arsch hoch, Männerherz!“ und ist auch an Schulen aktiv, unterstützt Lehrende bei Arbeiten zum Thema Gleichberechtigung. Die weltweite Solidaritätsbewegung „HeForShe“ (von UN Women), 2014 gestartet, ruft die Männer und Menschen aller Geschlechter dazu auf, sich aktiv für Geschlechtergerechtigkeit und Frauenrechte einzusetzen und patriarchale Normen zu überwinden, indem sie Männer als Partner in den Gleichberechtigungs-Prozess einbezieht.
Immer öfter werden auch Frauen anerkannt, die im Schatten von Männern wichtige Erfindungen machten, die sich dann ihre Kollegen auf ihre Fahnen hefteten. Allerdings meist erst sehr spät oder gar posthum. Wie Rosalind Franklin (1920–1958), britische Chemikerin, die mit ihrer Röntgenkristallographie die Entdeckung der DNA Doppelhelix ermöglichte – James Watson und Francis Crick nutzten ihre Erkenntnisse und wurden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Sie blieb unerwähnt. Oder Lise Meitner (1878–1968), Kernphysikerin, die die Kernspaltung erklärte, wofür ihr Forschungspartner Otto Hahn mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Sie blieb lange unbekannt. Jocelyn Bell-Burnell entdeckte als Doktorandin die ersten Pulsare, Nette Stevens die Geschlechtsbestimmung durch X- und Y-Chromosome… Preis und Ehre gewannen dann jeweils Männer.
Er, Sie, Es?
Wir alle müssen lernen, mit der Gleichberechtigung umzugehen. Ist ein Kompliment eine Anmaßung? Ist ein freundliches Schulterklopfen eine unsittliche Berührung? Ist man, wenn man jemandem aus dem Mantel hilft, übergriffig? Und: Ist das „Gendern“, also eine Ausdrucksweise, die niemanden diskriminiert, überhaupt möglich? Und sinnvoll? Dass die lang und breit geführte Debatte über Sternchen, Doppelpunkt oder Gedankenstrich manchmal mehr geschadet als genützt hat, oft von wichtigen Problemen ablenkt und den Gegnern des Feminismus in die Hände spielt, macht den Kampf um Gleichberechtigung nicht einfacher. Dass es nötig ist, bewusst zu machen, dass Frauen in jedem Beruf, jeder Funktion genauso tüchtig sind wie Männer, dass es auch Ärztinnen, Ingenieurinnen, Bürgermeisterinnen, Professorinnen, Schachspielerinnen oder Forscherinnen gibt, ist natürlich wichtig.
Doch das Wie ist heftig umkämpft. Wie der Streit um den „Glottischlag“, diese holprige Sprechpause bei Worten wie Ärzt*innen oder Ingenieur: innen oder Schüler/-innen – ja, alle diese Schreibweisen werden diskutiert. Und es wird noch heftiger und absurder, wenn es um Menschen geht, die weder ein „er“ noch eine „sie“ sein wollen. Hier wird als Endung ein X verwendet, wie „Professx“. Dass unter vielen dieser rücksichtvoll gemeinten Regeln das Schriftbild und die Lesbarkeit leiden, darf zur Kenntnis genommen werden. Gleiche Chancen, gleiche Bezahlung, gleiche Wertschätzung und gleicher Umgang – bis dahin wird es, so hat das World Economic Forum ausgerechnet, gemessen an der aktuellen Entwicklung noch mindestens 130 Jahre dauern. In der Wirtschaft und bei politischer Macht müssten Frauen sogar mit 160 Jahren rechnen. Um positiv abzuschließen: Bei Bildung und Gesundheit ist das Ziel fast erreicht. Zumindest in unseren Breiten. Wollen wir hoffen, dass Michelle Obama Recht behält, wenn sie meint: „Es gibt keine Grenzen für das, was wir als Frauen erreichen können.“ Wenn es nur nicht so lange dauern würde!
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