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Univ.-Prof. Dr. Marcus Mund ist Leiter der Abteilung Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Klagenfurt (Foto: privat).
Univ.-Prof. Dr. Marcus Mund ist Leiter der Abteilung Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Klagenfurt (Foto: privat).

„Es ist ein Mythos, dass einsame Menschen keine Freunde haben“

Sind heutige Generationen durch Stress oder auch durch soziale Medien einsamer als frühere?

Marcus Mund: Das ist schwer zu messen, denn die Forschung zu Einsamkeit ist sehr jung. Angefangen zu dem Thema zu forschen hat man in den Achtzigerjahren. Daher haben wir wenige Daten dazu. Jene, die wir haben, deuten aber darauf hin, dass Menschen im Durchschnitt nicht einsamer geworden sind.

Betrifft Einsamkeit jedes Alter?

Früher dachte man, dass vor allem ältere Menschen von Einsamkeit betroffen sind. Dann sah man, dass auch Jugendliche und junge Erwachsene einsam sein können. Und jetzt misst man das auch im Kindergarten. Es zeigt sich also, dass Einsamkeit jedes Alter betrifft.

Welche Risikofaktoren gibt es?

Das Alter wird nach wie vor als Risikofaktor betrachtet. Aber das hat mehr damit zu tun, dass die Mobilität abnimmt, Freunde sterben, man wird häufiger krank. Spannend ist: Wenn man diese Faktoren herausrechnet, sieht es nicht mehr so schlimm aus für ältere Menschen. Ein anderer Faktor, der diskutiert wird, ist der sozioökonomische Status. Menschen mit geringerem sozioökonomischem Status sind anfälliger für Einsamkeit, weil sie weniger finanzielle Möglichkeiten haben, am Gesellschaftsleben teilzunehmen. Demografische Faktoren erklären aber nicht, wer wirklich einsam ist. Einsame Menschen haben das Gefühl, ihre Beziehungen sind nicht so nah wie sie das gerne hätten. Da fehlt Nähe und Vertrautheit. Das ist alles sehr subjektiv. Das lässt sich schwer objektivieren durch demografische Daten.

Hat es dann mit den äußeren Umständen zu tun?

Nicht unbedingt. Man weiß zum Beispiel, einsame Menschen haben nicht weniger soziale Kontakte als nicht einsame. Sie verbringen auch nicht mehr Zeit alleine. Die haben genauso viel Interaktionspartner oder auch Sex. Das ist psychologisch sehr interessant, aber eben schwer zu erforschen. Solche Umstände können natürlich eine Rolle spielen. Aber soziale Isolation und Einsamkeit haben gar nicht so große Gemeinsamkeiten. Also nicht alle, die sozial isoliert sind, sind einsam oder umgekehrt.

Wie definieren Sie den Unterschied zwischen alleine sein, einsam sein und sozial isoliert sein?

Alleine sein ist einfach nur der beobachtbare Zustand, dass man irgendwo gerade alleine ist. Soziale Isolation ist, wenn Menschen nur sehr wenig oder keine sozialen Kontakte haben. Das ist sehr objektiv. Einsamkeit ist subjektiv. Wobei soziale Isolation und Einsamkeit immer negativ erlebt werden, und beides hat oft auch gesundheitliche Konsequenzen. Das Alleinsein wird häufig auch positiv empfunden. Man plant auch, alleine zu sein, etwas für sich zu tun, um die Akkus wieder aufzuladen. Aber keiner plant, einsam zu sein.

Welche Symptome gehen mit Einsamkeit einher?

Man fühlt sich einfach unwohl, wie es gerade ist. Selbst dann, wenn man von Menschen umgeben ist, man sich aber getrennt von den anderen fühlt und man den Wunsch nach tieferen Verbindungen hat.

Einsame Phasen hat jeder einmal. Wann wird es pathologisch?

Auf die Frage haben wir in der Forschung noch keine genaue Antwort. Kurzzeitige Zustände von Einsamkeit können ja wieder vergehen. Aber wie lange der Zustand anhalten muss, bis man vielleicht krank wird, das wissen wir noch nicht. Einsamkeit kann sogar auch Vorteile haben. Im Sinne von: Man ist vorbereitet auf solche Phasen. Es wird also Resilienz aufgebaut. Wir wissen nur, dass chronische Einsamkeit definitiv gesundheitsschädlich ist.

Wie schädlich genau?

Einsamkeit ist so schädlich wie etwa 15 Zigaretten am Tag zu rauchen. Einsame Menschen fühlen sich gestresster, Entzündungsmarker sind erhöht. Außerdem zeigt sich eine erhöhte Anfälligkeit für Depressivität oder auch Herz-Kreislauferkrankungen. Es gibt auch Studien, die belegen, dass einsame Menschen einen höheren BMI (Body-Mass-Index) haben oder dass sie mehr Drogen konsumieren oder auch mehr rauchen und sich weniger bewegen.

Welche Mythen über die Einsamkeit gibt es, die nicht stimmen?

Ein Mythos ist, dass nur alte Menschen einsam sind. Ein weiterer, dass einsame Menschen keine Freunde haben und eben auch, dass heutige Generationen einsamer sind. Das ist alles nicht wahr.

Was haben Sie bei Ihrer Forschung zu Einsamkeit noch herausgefunden?

Einsamkeit steigt nicht automatisch in der Lebensspanne. Einsame Menschen sind mit ihren Partnerschaften weniger zufrieden. Aber auch die Partner der Einsamen sind weniger zufrieden. Warum das so ist, weiß man nicht so genau. Denn spannend ist, dass weder die Konflikte bei einsamen Partnerschaften mehr sind noch die Intimität weniger, im Vergleich zu anderen Paaren.

Was können einsame Menschen tun?

Im Prinzip wirkt alles, zeigen Studien, aber eben nicht für alle. Selbst kleine Interventionen, wie einander grüßen auf der Straße. Begegnungszentren wirken ebenso positiv wie auch Nachbarschaftsnetzwerke sowie Psychotherapie. Aber eben nicht für alle hilft es. Manchen sind auch diese Begegnungen zu wenig, zu oberflächlich. Doch all diese Angebote sind wichtig. Denn vielen helfen sie. Man kann aber nichts universell verordnen. Jeder muss für sich selbst herausfinden, was er braucht und es auch kommunizieren. Das fällt oft schwer. Viele wünschen sich zum Beispiel mehr Kontakt mit den Kindern oder Freunden, sagen es aber nicht. Aus Scham oder Schüchternheit. Wenn man den Wunsch nach Nähe aber nicht äußert, kann er auch nicht erfüllt werden.

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