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Je nach Lebensbereich und Weltgegend freut man sich über das Ende von Trockenperioden (Foto: wal_ 172619/pexels.com).
Je nach Lebensbereich und Weltgegend freut man sich über das Ende von Trockenperioden (Foto: wal_ 172619/pexels.com).

Die Sprache des Regens

„Schon wieder Regen Regen!“, jammert der Urlauber; „Noch immer kein Regen!“, klagt der Bauer; „Endlich Pfützen zum Spritzen!“, freuen sich die Kinder. So sieht jeder den Regen anders. Für die Hopi, ein Pueblo-Volk aus dem Südwesten der USA, war er ein Gottesgeschenk, wie für die Zuni aus New Mexico. Die Azteken hatten einen eigenen Regengott, Tlaloc, dem sie sogar Menschenopfer darbrachten. In China gab es eigene Regentempel, in Indien feiert man Froschhochzeiten, um die Götter zum Lachen zu bringen, deren Lachtränen dann als Regen zur Erde fallen. In Australien ist Regen ein Teil der Traumzeitgeschichte, als die Welt von Ahnenwesen erschaffen wurde, dort verehrt man die Regenbogenschlange, die als Schöpferin der Wasserläufe gesehen wird. Im Islam ist Regen ein Zeichen der Gnade, in der Bibel Segen und Strafe (Sintflut). Je nach Lebensbereich und Weltgegend freut man sich über das Ende von Trockenperioden – oder hat sich mit der ständigen Berieselung abgefunden. In der Atacama-Wüste in Chile wartet man oft jahrelang auf ein paar Tropfen, in Mawsynram in Indien hingegen regnet es fast das ganze Jahr. In Europa, in Irland und Island, in Schottland und Norwegen gehört wasserdichtes Regenzeug zur Grundgarderobe. Regenwälder, die nassesten Ökosysteme der Welt, gründen ihre Existenz auf tropische Güsse, durchschnittlich zehnmal mehr als in Mitteleuropa vom Himmel fallen.

Nicht bloß Wasser

Viele Menschen empfinden Regen als beruhigend, das Platschen gegen die Scheiben, das Trommeln auf dem Dach, das Plätschern auf Blätter, das leise Prasseln auf Pfützen. Psychologen wissen warum: Gleichmäßige Geräusche ohne plötzliche Spitzen senken die Aktivität im Gehirn, besonders im Amygdala-Bereich, der Angst und Stress steuert. Außerdem übertönt Regen andere störende Geräusche wie Verkehr, Stimmen auf der Straße, vielleicht auch Tinnitus oder zumindest ein wenig das Schnarchen des Partners. Die Evolution hat den Menschen gelehrt, bei monotonen Naturklängen in den Ruhezustand zu schalten. Wohlig eingekuschelt den trockenen Innenraum genießend, empfindet man bei Regen Sicherheit – geschützt wie dereinst im Mutterleib. Man entspannt und schläft besonders gut, selbst wenn es nur eine künstliche Regen-Einschlaf-App ist.

Was den natürlichen Regen anlangt, gibt es ganz unterschiedliche Regenarten: den gleichmäßig sanften, langanhaltenden Landregen (der auch die Bauern, wie schon der Name andeutet, besonders freut); den Schauer, plötzlich, kurz, oft heftiger; den Nieselregen, der aus kleinsten, feinsten Tröpfchen besteht und sich länger hält, im Gegensatz zum oft stürmischen Gewitterregen mit Blitz und Donner, dem Platzregen, Starkregen bis zum Monsunregen, der eine ganze Jahreszeit beansprucht (Sommer) und sintflutartig vom Himmel stürzt. Regen ist Wasser aus Meeren, Seen, Flüssen, aus Pflanzen und Böden, das verdunstet und als Wasserdampf in die Atmosphäre aufsteigt. In höheren Luftschichten ist es kälter, der Wasserdampf kühlt ab und lagert sich an winzigen Pollen, Staub- oder Salzpartikeln an (den Kondensationskernen), wird zu Wolken, einer Ansammlung von mikroskopisch kleinen Wassertröpfchen. Diese vereinigen sich zu größeren Tropfen, und wenn sie zu groß und schwer sind, fallen sie zur Erde.

Kleine Regentropfen sind kugelrund, mittelgroße Tropfen ähneln einer dicken Pille, und große Tropfen (bis 6 mm) sehen aus wie ein Pilz, zerplatzen aber beim Fallen. Regentropfen haben also nie eine Tropfenform! Wo unsere Vorstellung vom typischen Tropfen herkommt? Vielleicht vom tropfenden Wasserhahn? Man versteht dieses Symbol für Wasser jedenfalls auf der ganzen Welt.

Regenwasser enthält kaum Kalk, eignet sich also ideal zum Gießen von Pflanzen oder zur Befüllung des Bügeleisens – im Gegensatz zu Leitungswasser, das Mineralien (je nach Region, aus der es gespeist wird) enthält. Es wird aufbereitet (gefiltert, desinfiziert, enthärtet) und hygienisch streng kontrolliert. Österreich gilt übrigens als eines der Länder mit dem besten Trinkwasser weltweit: Es besteht zu 90 Prozent aus natürlichem Quell- oder Grundwasser, chemische Behandlung ist kaum nötig, man kann es bedenkenlos trinken (Grundwasser ist reich an Mineralien, oft hart, weil es langsam durch das Gestein gefiltert wird; wie auch Quellwasser.) Flusswasser nennt man „biologisch aktiv“, es ist, vor allem am Unterlauf, oft von Abwässern und Industrie verunreinigt.

Aber auch Regen kann verunreinigt sein. In den 1970er-und 1980er-Jahren fürchtete man ein generelles Waldsterben, weil der Regen immer „saurer“ wurde: Kohlekraftwerke, Industrie und Heizungen mit ihrem starken Ausstoß an Schwefeldioxid sowie Autos mit Stickoxiden verursachten die übermäßige Entstehung von Schwefel- und Salpetersäure in der Atmosphäre. Bei Niederschlag („Saurer Regen“) versauerten die Böden (wichtige Mineralstoffe wurden ausgewaschen), Wurzeln wurden geschädigt, Bäume anfälliger für Frost und Schädlinge. Doch man reagierte recht schnell, Rauchgasentschwefelungen wurden in Kraftwerken eingebaut, Katalysatoren in Autos, Kohlekraftwerke wurden modernisiert bzw. dezimiert. In Europa und Nordamerika hat sich die Lage dadurch wesentlich verbessert, der Waldbestand nimmt jährlich merkbar zu.

Zeit der Veränderung

Freilich beeinflusst auch der Klimawandel Regenfälle. Durch Erwärmung und Verdunstung entsteht mehr Wasserdampf, die Luft kann mehr Feuchtigkeit halten, doch wenn sie gesättigt ist, regnet es dadurch intensiver: Wir erleben immer mehr Starkregen (aber nicht mehr Niederschlag, die Wassermenge bleibt gleich). Und das bedeutet große Extreme, mehr Dürre, aber dann auch mehr Überschwemmungen, da die ausgetrockneten Böden nicht so viel Wasser auf einmal aufnehmen können. Die Auswirkungen sind regional sehr unterschiedlich.

Leiden wetterfühlige Menschen bei Regen unter Kopfschmerzen, Schwindel oder Müdigkeit, liegt das am Tiefdruck, der meist bei Regen zu beobachten ist. Ein Temperatursturz belastet den Kreislauf, schwüles Wetter wiederum (meist vor Gewittern) verhindert die kühlende Verdunstung von Schweiß und erzeugt Hitzestau im Körper. Aber Regen kann auch anders, das „Gottesgeschenk“ hat viele gute Seiten: Der Geruch des wiedererwachenden trockenen Bodens, auf den der Regen fällt, wird als besonders angenehm empfunden und hat sogar einen eigenen Namen: Petrichor. Ein Regenspaziergang senkt den Cortisolspiegel und kann sogar Angstgefühle lindern. Kühle Luft wirkt belebend auf den Kreislauf, die frisch-feuchte Luft reinigt die Atemwege – besonders wohltuend für Pollenallergiker und Asthmatiker. Die höhere Luftfeuchtigkeit hilft der Haut, sich zu erholen und ist wohltuend für den Geist: Ein Regenspaziergang wirkt die eine Meditation im Mantel. Und wer wie Gene Kelly im Regen tanzen kann, Pfützen zum Springen nützt, sich am Plätschern und dem oft nachfolgenden Regenbogen erfreut, dem wird der Regen keine Zeit des Jahres verderben.

Zahlen & Fakten

✓ Wassermenge. Jährlich fallen weltweit durchschnittlich 990 mm Niederschlag pro m2 – das entspricht 990 l Wasser. In Summe sind das 505.000 Kubikkilometer Wasser pro Jahr – genug, um die gesamte Erdoberfläche fast einen Meter hoch zu fluten.


✓ Nassester Ort der Erde. Mawsynram in Indien bekommt im Schnitt 11.872 Liter Regenwasser pro m2, also mehr als elf volle Badewannen pro Quadratmeter und Jahr.


✓ Trockenster Ort der Erde. Die Atacama-Wüste in Chile sieht mancherorts Jahrzehnte lang keinen einzigen Tropfen


✓ Größe & Gewicht. Vom Niesel mit 0,3 mm Durchmesser und 0,0001 g bis zu Platzregentropfen mit 6 mm und 0,2 g – schwerer als drei Salzkörner wird kei Tropfen, bevor er in der Luft zerplatzt und als Niederschlag zur Erde fällt.


✓ Fallgeschwindigkeit. Je nach Größe erreichen Tropfen 18–22 km/h und brauchen aus 800 Metern Höhe höchstens zwei Minuten bis zum Boden.


✓ Phänomen „Virga“. Beim Naturphänomen „Virga“ verdunstet der Regen in trockener Luft, bevor er den Boden erreicht, d. h. er ist sichtbar, aber nie spürbar.


✓ Klimawandel-Effekt. Pro zusätzlichem Grad Celsius kann die Luft 6–7 Prozent mehr Feuchtigkeit speichern, was häufiger zu extremen Regenfällen führt.

Lesen Sie weiter: Wasser – Quelle fürs Immunsystem

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