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Auch im Herbst kann Neues entstehen.
(c) Pexels

Das bessere Silvester: der Herbst als Neuanfang

Die neuen Vorsätze zu Silvester, geplante Entschlackungskuren im Frühling: Der Jahresbeginn scheint prädestiniert für die Umsetzung neuer Lebensweisen zu sein. Der Herbst wird aufgrund der sich zurückziehenden Natur oft als Sinnbild für Verfall angesehen. Zu Unrecht: Studien zeigen, dass sich gute Vorsätze im Herbst sogar besser umsetzen lassen als in den ersten Monaten des Jahres. Wie die Bäume ihre Blätter fallen lassen, können auch wir in dieser Jahreszeit Ballast abwerfen und durch die Ruhe nach dem oft hektischen Sommer neue Kraft schöpfen. Außerdem sind wir seit Kindheitstagen durch den Schulstart im September auf Neubeginn programmiert: Jahrelang begann für uns gerade im Herbst ein neuer Lebensabschnitt. Der Wechsel von Kindergarten auf Schule und später eine höhere Schule, der Beginn einer neuen Schulklasse – diese Veränderungen prägen uns unser ganzes Leben lang.

Wann wird es Zeit für eine Veränderung?

Doch wie spüren wir eigentlich, dass die Zeit für eine Veränderung gekommen ist? Psychotherapeutin und Coach Nina Wetzlinger aus Linz weiß: „Unzufriedenheit ist oft zuerst nur ein diffuses Gefühl. Man merkt, dass etwas nicht mehr richtig passt, kann aber noch nicht genau sagen, was eigentlich fehlt. Statt direkt nach einer Lösung zu suchen, hilft es meist, für sich zu sortieren, was sich eigentlich falsch oder unpassend anfühlt.“ Es lohnt sich, bei diesem Gefühl der Unzufriedenheit genauer hinzusehen: Was fehlt mir im Leben? Was kostet mich besonders viel Energie? Und umgekehrt aber auch: Was möchte ich bewahren, womit bin ich zufrieden? „Oft entsteht Unzufriedenheit auch, weil man bemerkt, dass wichtige Dinge im Alltag zunehmend in den Hintergrund geraten“, meint Nina Wetzlinger. Um zu erkennen, wo eine Veränderung nötig ist, hilft es, genau zu beobachten, wann die Unzufriedenheit besonders spürbar wird. Nina Wetzlinger rät auch dazu, einmal eine Auszeit zu nehmen: mit einer Wanderung oder einem Ortswechsel gerät der Alltag in den Hintergrund, neue Perspektiven oder Ideen können sich auftun. „Auch Gespräche mit anderen können neue Perspektiven eröffnen. Nicht unbedingt, weil jemand anderes wissen soll, was für mich richtig ist, sondern weil Menschen von außen manchmal Fragen stellen, die ich mir selbst noch nicht gestellt habe, oder Dinge wahrnehmen, für die ich selbst gerade keinen Blick habe“, rät die Expertin.

Wichtig ist auch immer: Die Veränderung sollte auf eigenen Wunsch hin geschehen – und nicht aus dem Gedanken heraus, Erwartungen von außen erfüllen zu müssen. „Gerade bei guten Vorsätzen achten wir oft zu sehr auf andere“, so Nina Wetzlinger.

Das Sinnbild des Loslassens

Der Herbst steht oft für den Verfall oder das Ende, er kann aber auch einen Neubeginn bedeuten.
(c) Pixabay

Nicht jede Veränderung muss gleich das ganze Leben auf den Kopf stellen. Manchmal genügen selbst kleine Änderungen, um wieder mehr Zufriedenheit zu verspüren. Dabei ist das Loslassen bekannter Routinen ein wesentlicher Schlüsselfaktor. Denn gerade die Gewohnheiten, die uns Sicherheit geben und zu einem automatisierten Ablauf im Alltag führen, sorgen auch dafür, dass kaum Veränderungen geschehen. Die Natur zeigt uns, wie es geht: Das „Loslassen“ der Blätter ist schließlich kein Abschied für immer, sondern ein Sinnbild dafür, dass Neues nur entstehen kann, wenn man sich von Altem trennt. Bis wir selbst so weit sind, müssen wir uns aber zunächst einmal mit der Frage auseinandersetzen: Was wollen wir wirklich? Nina Wetzlinger empfiehlt zudem, sich die Frage zu stellen: Was gibt mir eigentlich das, woran ich festhalte? Und was müsste an seine Stelle treten, damit ich es tatsächlich loslassen kann? Passend dazu können wir uns erneut die Natur zum Vorbild nehmen: Was wollen wir bis zum Frühling erreichen? Wie können wir die kalte Jahreszeit für uns nutzen, um im Frühling neu zu erblühen?

Veränderungen sind allerdings nicht von vorneherein nur positiv allein. Nina Wetzlinger betont: „Wichtig ist auch die Frage: Was gewinne ich durch die Veränderung und welchen Preis bin ich bereit, dafür zu bezahlen? Denn fast jede größere Veränderung hat auch eine Kehrseite.“ So könne eine berufliche Veränderung beispielsweise zwar mehr Zufriedenheit im Privatleben, dafür aber finanzielle Nachteile bringen. Wer sich vornimmt, öfter Nein zu sagen, muss dafür enttäuschte Gesichter seiner Mitmenschen in Kauf nehmen. „Gerade bei größeren Entscheidungen halte ich wenig von vorschnellem Alles-oder-nichts-Denken. Wer beispielsweise beruflich unzufrieden ist, muss nicht am nächsten Tag kündigen. Vielleicht kann man zunächst Stunden reduzieren, sich weiterbilden, ein neues Aufgabengebiet ausprobieren oder parallel ein anderes Tätigkeitsfeld aufbauen“, sagt die Psychotherapeutin. Und: Die Veränderung muss nicht gleich endgültig sein, sondern kann zunächst einmal als Experiment betrachtet werden. „Wo es möglich ist, kann man etwas ausprobieren, Erfahrungen sammeln und danach mit mehr Wissen weiterentscheiden. Das nimmt einer Entscheidung häufig etwas von ihrer Schwere und erweitert den eigenen Handlungsspielraum“, erklärt Nina Wetzlinger

Der Sprung ins Ungewisse

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Wer loslassen möchte, muss sich auf den Sprung ins Ungewisse einstellen. Und der ist nicht immer angenehm. „Wir wissen vielleicht schon sehr genau, was wir nicht mehr möchten, aber noch nicht, wie das Neue tatsächlich aussehen wird. Vertraute Bahnen zu verlassen kann deshalb Angst, Zweifel oder andere unangenehme Gefühle auslösen. Solche Gefühle sind meist ein ganz normaler Bestandteil von Veränderung“, beruhigt Nina Wetzlinger. Es ist daher hilfreich, nicht sofort alles komplett zu ändern, sondern einige vertraute Lebensweisen vorerst zu behalten. „Auch eine Veränderung, von der wir überzeugt sind, kann mit Traurigkeit, Zweifeln oder ambivalenten Gefühlen verbunden sein. Wichtig ist, auch diesen Gefühlen Raum zu geben, sie zu würdigen und sich nicht dafür zu verurteilen. Das Alte darf fehlen, obwohl das Neue richtig sein kann.“

Warum gerade im Herbst?

Gerade wenn ein Übergang bevorsteht, werden viele Menschen nachdenklich und ziehen ein Resümee über ihr Leben. Übergänge können beispielsweise der klassische Jahreswechsel, der Geburtstag als Übergang von einem Lebensjahr ins nächste, oder eben der Wechsel der Jahreszeiten sein. Wichtig ist dabei auch die psychische Verfassung. Wer am Herbst-Blues leidet, sollte mit der Umsetzung neuer Ideen vielleicht ein wenig warten. „Gerade bei großen und weitreichenden Entscheidungen ist ein gewisses Maß an innerer Stabilität hilfreich. Wer vollkommen erschöpft oder emotional stark belastet ist, braucht möglicherweise zunächst Entlastung und Stabilisierung, bevor weitreichende Entscheidungen getroffen werden“, rät Nina Wetzlinger. Daher lohnt es sich auch, bei einem Wunsch nach Veränderung rasch zu reagieren, solange man noch Kraft hat, und nicht einfach in Dauerschleife weiterzumachen – das laugt emotional aus, wodurch der Energielevel für eine geplante Veränderung sinkt. Sollten bereits Symptome wie Schlafprobleme, extreme Erschöpfung oder dauerhafte Anspannung dazukommen, ist professionelle Hilfe eine gute Idee. „Professionelle Begleitung muss aber nicht erst in einer schweren Krise beginnen. Sie kann helfen, Gedanken zu sortieren, Entscheidungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, blinde Flecken sichtbar zu machen oder zu verstehen, warum man trotz vieler eigener Versuche immer wieder an derselben Stelle landet“, so Nina Wetzlinger.

Wie neue Pläne gelingen können

Ein guter Vorsatz: morgens meditieren
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Experten raten oft dazu, sich nicht ein übergeordnetes, großes Ziel zu setzen (z. B., nie wieder etwas Süßes zu essen), sondern kleine Schritte zu planen (z. B., erst einmal nur an zwei Tagen pro Woche nichts Süßes zu essen). Wichtig ist auch, eine konkrete Vision zu verfolgen, die nicht darauf ausgelegt ist, das „Weglassen“ zu symbolisieren, sondern das „Ankommen“. „Ein konkretes ,Hin zu‚ motiviert häufig stärker als ein reines ,Weg von‚. ,Ich möchte nicht mehr so gestresst sein‘ beschreibt noch kein Ziel. Interessanter ist die Frage: Was möchte ich stattdessen? Mehr Ruhe? Mehr Zeit für Beziehungen? Mehr Bewegung? Weniger Verpflichtungen?“, fasst Nina Wetzlinger zusammen. Auch ein möglichst konkreter Vorsatz kann dabei helfen, nicht gleich aufzugeben. Wer statt „Ich möchte meditieren“ genau definiert: „Ich möchte morgens nach dem Aufstehen immer zehn Minuten lang meditieren“, tut sich leichter. Je klarer das Vorhaben im Alltag verankert ist, desto einfacher ist auch die Umsetzung. Nina Wetzlinger hat noch einen Tipp: „Ich finde es außerdem sinnvoll, nicht nur für den Idealfall zu planen. Was mache ich, wenn ich müde bin, wenig Zeit habe oder die Motivation nachlässt? Dafür kann man sich eine ,Minimalversion‘ des eigenen Ziels überlegen. Wenn zehn Minuten Meditation an einem stressigen Tag nicht möglich sind, sind vielleicht zwei Minuten machbar.“

Wichtig ist auch, die Umstände entsprechend anzupassen. Wer morgens Sport machen möchte, kann sich bereits am Abend dafür die Sportkleidung herrichten. Wer weniger naschen möchte, kauft einfach entsprechend weniger Süßigkeiten ein. „Hilfreich ist außerdem, Ziele aufzuschreiben und regelmäßig zu überprüfen: Passt mein Ziel noch? Bin ich noch in die gewünschte Richtung unterwegs? Haben sich meine Lebensumstände verändert? Muss ich etwas anpassen?“, rät Nina Wetzlinger. Wenn zwischendurch etwas nicht so gelingt wie erwartet: Rückschritte – oder „Umwege“, wie Nina Wetzlinger sie nennt – sind ganz normal und sollten von Anfang an eingeplant werden. Veränderungen verlaufen selten geradlinig – und schließlich wirft ja auch ein Baum nicht alle Blätter auf einmal ab.

Psychotherapeutin Nina Wetzlinger aus Linz

Zur Person

Nina Wetzlinger arbeitet seit 2020 als Psychotherapeutin (systemische Familientherapie), Paartherapeutin und Coach in freier Praxis in Linz. Bis 2023 war sie zusätzlich als Gesundheitsmanagerin in einem internationalen Unternehmen tätig. Ihr erklärtes Ziel ist es, gemeinsam mit ihren Klienten die Balance zwischen Veränderung und Stabilität zu finden und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Nähere Infos unter https://nina-wetzlinger.at

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