Barfuß unterwegs zu sein, liegt eigentlich in unserer Natur. Doch vor rund 9.000 Jahren erfanden die Menschen die ersten Schuhe – vermutlich, um die Fußsohlen vor Hitze, Kälte und Verletzungen zu schützen. Von da an wurde den Füßen Schritt für Schritt ihre Freiheit weggenommen. Und heute fristen die treuen Träger unseres Körpers meist ein dunkles, sonnenlichtloses und muffiges Dasein in Socken und Schuhen. Dies führt zwar dazu, dass wir im Winter immer schön warme Füße haben – gleichzeitig fördert das permanente Umhüllen unserer Zehen aber auch Fußfehlstellungen, Nagelpilz und eine schlechtere Durchblutung der Füße.
Aufrecht und ohne Schuhe
Wenn wir barfuß unterwegs sind, sind unsere Füße ohne Hilfsmittel auf sich allein gestellt. Das heißt: Die Bänder und Sehnen sowie die gesamte Muskulatur müssen aktiv mitarbeiten, um den Fuß bei jedem Schritt zu stabilisieren. Sind die Schuhe erst einmal ausgezogen, kontrollieren zahlreiche Rezeptoren an unseren Füßen, ob wir stabil auftreten. Je unebener der Untergrund, desto mehr sind die Füße gefordert – und desto mehr positive Effekte hat das Barfußlaufen auf die gesamte Körperhaltung. Die Wiener Orthopädin Dr. Teresa Nowotny rät: „Wenn man barfuß unterwegs ist, sollte man darauf achten, dass der Fuß auch taktile Reize erhält. Es ist also sinnvoller, über Gras, Sand oder Kies zu gehen, als einen Spaziergang am Asphalt zu machen.“ Und die positiven Effekte machen sich bald bemerkbar: „Barfuß oder in Barfuß-Schuhen unterwegs zu sein, führt zu einer besser trainierten Fußmuskulatur und in weiterer Folge auch zu einer verbesserten Waden- und Beinmuskulatur“, so Nowotny. Das wiederum hat Auswirkungen auf den gesamten Körper: Wir laufen bewusster und aufrechter; auch Rücken- oder Hüftprobleme können dadurch gelindert werden.

Langsam auf den Weg machen
Die Schuhe nun sofort in ein Eck zu schleudern und nur noch barfuß durch die Straßen zu spazieren, ist dennoch keine gute Idee. Für ungeübte Nacktfüßler ist ein langsames Herantasten angesagt. Wer nach jahrelangem Schuhleben seine Füße zu lang an die frische Luft lässt, riskiert Überlastungsschäden, da die Sehnen und Bänder noch nicht auf die ungewohnte Mehrarbeit eingestellt sind. Teresa Nowotny: „Am besten beginnt man mit einer halben Stunde bis maximal einer Stunde täglich; nach einer Woche kann man das Pensum dann langsam steigern.“ Barfuß zu joggen, sollte auch erst nach einigen Barfuß-Geheinheiten am Programm stehen. „Durch die schnellere Bewegung kann der Fuß kleine Fehlstellungen nicht so leicht ausgleichen wie beim Gehen. Erst wenn das Barfuß-Gehen einwandfrei funktioniert, sollte man daher die erste Laufeinheit ausprobieren“, weiß Nowotny. Anfangs ist es auch sinnvoll, nur auf weichen und möglichst ebenen Untergründen wie Sand oder Gras zu gehen. Nicht empfohlen ist der schuhlose Spaziergang bei schweren Fußfehlstellungen. Auch wenn Schmerzen oder Schwielen auftreten, ist zur Vorsicht geraten. „Eine verstärkte Hornhautbildung durch die neue Belastung ist normal, aber bei richtigen Schwielen sollte man abklären lassen, ob sie an der richtigen Stelle auftreten oder möglicherweise eine falsche Belastung der Fußsohlen signalisieren“, warnt die Orthopädin.
Besonders empfehlenswert ist das Barfuß-Laufen bei Fußfehlstellungen, die in Richtung Plattfuß gehen. „Wenn es kein stabiles Längsgewölbe gibt, also wenn der Fuß beim Gehen nach innen einknickt, kann Barfuß-Gehen die Situation deutlich verbessern“, weiß Nowotny. Auch beim weit verbreiteten Hallux valgus kann sich eine Verbesserung einstellen, allerdings nur indirekt: „Den Hallux valgus selbst kann man in seiner Ausprägung nicht wirklich beeinflussen, allerdings geht diese Fußfehlstellung oft mit einem Einknicken einher. Dieses kann man verbessern und somit auch indirekt die Beschwerden des Hallux.“
Der Trend zu Barfußschuhen
Barfußschuhe erzielen übrigens den gleichen Effekt wie der gänzliche Verzicht auf die besohlten Fußfreunde. „Sie schützen den Fuß, ohne ihn zu stabilisieren – somit wird die Muskulatur auf dieselbe Art gefördert wie ohne Schuhe“, so Nowotny. Der einzige Unterschied ist das teilweises Wegfallen der taktilen Reize, da beispielsweise Gras oder andere weiche Untergründe nicht mehr deutlich wahrgenommen werden. Und: „Es gibt mittlerweile auch Barfuß-Turnschuhe. Diese werben damit, ohne Dämpfung oder erhöhte Sohlen und mit ausreichend Platz ebenfalls ein Barfuß-Gefühl zu schaffen. Das wage ich ein wenig zu bezweifelt, da der Fuß durch den Turnschuh an sich ja trotzdem stabilisiert wird.“ Wer seine Spaziergänge komplett unten ohne bevorzugt, sollte auf jeden Fall darauf achten, einen dafür geeigneten Boden zu wählen. Scherben, spitze Steine etc. sorgen rasch für blutende Wunden. Und durch den ständigen Kontakt zu Boden ist das Infektionsrisiko an den Füßen besonders hoch.
Und wie ist das daheim?
Zuhause tragen die wenigsten Menschen Schuhe – der Effekt ist aufgrund des ebenen Wohnungsbodens aber meist überschaubar. Vor allem, wer daheim über Parkett oder Fliesen läuft, fordert seine Füße kaum. Da macht es auch wenig Unterschied, ob man barfuß oder in dünnen Socken von Raum zu Raum schlendert. „Gibt es dagegen zuhause Teppiche oder z. B. eine Terrasse, auf der Kies liegt, ist es besser, auf Socken zu verzichten, da die Füße dann zumindest unterschiedliche Reize wahrnehmen können“, so Nowotny.
Abenteuer Barfußpfad
Also am besten raus in die Natur! Damit die Füße ungestört ein wenig Abwechslung genießen können, lohnt sich der Besuch eines Barfußwegs. Dort stehen verschiedene Untergründe zur Verfügung: Spaziert wird dabei beispielsweise über Tannenzapfen, runde Kieselsteine, Holzlatten oder Sand. Dies fordert einerseits die Muskulatur und trainiert andrerseits auch gleichzeitig die Wahrnehmung über die Fußrezeptoren. Eine Liste mit Kneipp-Ausflugszielen, von denen viele auch einen Barfußpfad beinhalten, gibt es hier.

Pflege für die Füße
Nach jeder Barfußeinheit sollte man übrigens die richtige Fußpflege nicht vergessen. So geht’s: Füße mit warmem Wasser waschen und auch gewissenhaft untersuchen, ob wohl keine Verletzungen oder eingezogene Splitter zu entdecken sind. Die Fußsohlen gründlich abschrubben, damit auch tiefsitzender Schmutz entfernt wird. Das geht am besten mit einem Meersalz-Peeling und/oder einer Bürste. Das Schrubben fördert gleichzeitig auch die Durchblutung, sodass die möglicherweise ausgekühlten Füße sich wieder erwärmen. Danach gründlich abtrocknen (Zehenzwischenräume nicht vergessen!), um Fußpilz keinen Nährboden zu bieten. Am Ende freuen sich die Füße über eine pflegende und nährende Fußcreme, damit die Haut geschmeidig bleibt. Hornhaut sollte man übrigens nicht wegschneiden – sie schützt den Fuß vor äußeren Einflüssen! Am besten mit einem Bimsstein glattschleifen, damit sie nicht einreißt, und in hartnäckigen Fällen zusätzlich eine Schrundensalbe auftragen.

Dr. Teresa Nowotny ist Fachärztin für Orthopädie und orthopädische Chirurgie im 15. Wiener Gemeindebezirk. Nähere Infos unter www.nowotny-orthopaedie.at
Foto (c) Sandra Schartel










